Politik und Gesellschaft im Hanix-Magazin No.42

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Wirtschaft im Wandel – aber wohin?

Von Brigitte Fritz-Kador

Fotos: Memo Filiz

Über uns nicht nur der blaue Himmel, sondern die »Cloud«! Wir teilen die Autos, die Arbeitsplätze, die Daten – analog und digital. Welch Glück für die Menschheit und für Unilever-Knorr, dass wir noch ganz »real« satt gemacht werden müssen, aber füttern werden Altersheimbewohner demnächst Roboter, auch solche, die in der Region entwickelt und gebaut wurden. Der Wandel der Wirtschaft ist auch der Wandel der Gesellschaft. Wie sieht es damit aus in Heilbronn, auch in der Region? Eine spannende Frage mit so vielen Antworten und wenn auch nicht alle darstellbar sind, das Bild das sich daraus formt, regt zum Nachdenken an, so wie das Ergebnis der Landtagswahl. In der Woche vor der Wahl (!) stellte die FAZ dazu fest: »Kretschmann nimmt man es durchaus ab, dass er in der digitalen Revolution die Chance sieht, das Streben nach Wohlstand und die Ökologie zu versöhnen, sei es durch intelligente Verkehrssteuerung, Materialeinsparung oder individualisierte Medizin. In der Wirtschaft kommt die Freude der Landesregierung an der Innovation durchaus gut an. Auch dass Wirtschaft flächendeckend als Schulfach eingeführt wird und mit Informatik ein Anfang gemacht ist, wird goutiert. Man will schließlich die Spitzenposition behaupten, auch langfristig.«

Die Spitzenpostion behaupten, das will auch Heilbronn. In welche Zukunft gehen wir und wie wird das geschehen. Was ist davon begreifbar, weil zu be-greifen, was nur noch denkbar. Die Füße auf der Erde, der Kopf in der Cloud, ist das die richtige Startposition in die Zukunft? Mit René Descartes (1596–1650) hat das Denken der Neuzeit begonnen, seine Vorstellung, dass alles Leben auch nur ein Traum sein könne und nichts gewiss ist, klingt heute wie die Vorwegnahme der »Cloud«. Vielleicht haben auch deshalb Philosophen Hochkonjunktur, gerade dann, wenn es um wirtschaftliche Fragen geht, wenn sich die Realität zu verflüchtigen scheint. Auf der Suche nach

Antworten hat die GGS Richard David Precht. eingeladen, die IHK Philipp Hübl. Intelligente Menschen und intelligente Maschinen genügen nicht mehr. In der experimenta II wird Ethik ein Element der Wissensvermittlung sein.

Real aber ist dieses: wohin man schaut in Heilbronn, was immer man hört oder liest: Fast nur positive Eckdaten! Kann man sich noch an eine bessere und länger anhaltende Konjunkturlage erinnern, als es die gegenwärtige ist? In der die vierteljährlichen Prognosen der IHK unterm Strich so positiv ausfallen, die Arbeitslosenzahlen so niedrig sind und das Gewerbesteueraufkommen so hoch, wie nie in den letzten Jahren? Nach den neuesten IHK-Zahlen zur Entwicklung der Beschäftigten entfielen von den im vergangenen Jahr rund 10.100 zusätzlichen Arbeitsplätzen in Heilbronn-Franken die meisten auf den Bereich der Dienstleistungen. Hier nahm die Zahl um rund 6.000 auf 157.100 zu (plus 3,9 Prozent). Im produzierenden Gewerbe stiegen die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze um 3.300 auf 161.700 (plus 2,1 Prozent). Im Vergleich der baden-württembergischen Regionen war der Anstieg der sozialversicherungspflichtig

Beschäftigten mit 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr in keiner anderen Region so hoch wie in Heilbronn-Franken (Landesdurchschnitt 2,2 Prozent). Und auch wenn diese Daten des Statistischen Landesamtes nicht taufrisch sind, in der Region sind im Vergleich zu allen anderen in Baden-Württemberg schon seit 2000 die meisten Arbeitsplätze entstanden – und zwar »echte«, d. h. sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeitsplätze. Im Jahr 2013 lag deren Zahl deutlich über 500.000, allein in Heilbronn zählte man 103.067 Erwerbstätige – bei einer Einwohnerzahl von ca. 125.000.

Also alles gut, oder muss man sich doch Sorgen machen? Kaum haben wir – dank des Computers – die dritte industrielle Revolution bewältigt, da ist die Vierte schon da: »Industrie 4.0.«. Einfach formuliert: Mensch und Maschine »verschmelzen«. Der Roboter ersetzt den Arm, und bereits auch den Kopf? Beim Neujahrsempfang 2016 hat OB Harry Mergel es vor den Heilbronner Bürgern ausgesprochen – »die Heilbronner Wirtschaft ist im Wandel« – die Wahrnehmung durch das Publikum war eher indifferent. Noch weiß keiner, ob die Befürchtungen zutreffen, dass durch »4.0«

Zigtausende Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren gehen. Ob und wie diese (z. B. im Bereich Dienstleistung für eine immer älter werdende Gesellschaft) kompensiert werden könnten, wie sich dieses konkret und vor Ort darstellen wird, welche realen Werte werden außerhalb der Warenwelt noch geschaffen werden? Die Zeit der einfachen Antworten ist längst vorbei. Beim

Betrachten eines Kassenbons mit ausgedruckter Mehrwertsteuer ist der »Wert« der Arbeit nachvollziehbar, man könnte auch bis zu Karl Marx zurückgehen. Was aber geschieht, wenn man den Begriff »Arbeit« und »Zeit« gegeneinander hält, wenn immer weniger Präsenz am Arbeitsplatz das eine, ständige Verfügbarkeit der Arbeitskraft das andere ist? Wenn die krawattenlosen sich duzenden Lidl-Mitarbeiter in der Konzernverwaltung keinen eigenen Schreibtisch mehr haben – weil unnötig – vagabundiert ihre Arbeitskraft – aber »nur« ihre Arbeitskraft? Seit dem

Zusammenbruch der DDR, in der ja alle »Arbeit« hatten, weiß man, was dabei herauskommen kann, wenn man Anwesenheit am Arbeitsplatz mit Arbeit gleichsetzt: Kaum konkurrenzfähige Produkte und eine »Produktivität« an deren Ende ein bankrotter Staat stand.

Wie ist man in Heilbronn aufgestellt für den Wandel in der Wirtschaft? Ein virtueller Gedankenstreifzug durch die Industrie- und Wirtschaftslandschaft der Stadt hilft als Erstes bei der Beantwortung der Frage. Man geht durch unser »Silicon-Valley« namens Wohlgelegen, bzw. den Zukunftspark, auch durch den Business-Park »Schwabenhof«, fährt die Salzstraße entlang, kurvt durch die »Böllinger Höfe« und fährt mit der Stadtbahn durch die Hinterhöfe des »alten« Industriegebietes, bekommt Augen, groß wie Spiegeleier, wenn man sieht, was hier mal war, was daraus wurde – und was man daraus machen könnte. Es wird eine Berg- und Talfahrt. Wie OB Harry Mergel im Hanix-Gespräch zu eben diesem Thema anmerkt, hat Heilbronn das größte zusammenhängende städtische Industriegebiet in Baden-Württemberg, die Wiege der

Heilbronner Prosperität, vieler Unternehmen, die es heute noch gibt, auch solche, die untergingen (z. B. im Stahlbau) oder Heilbronn verlassen haben, mit Namen, die zur Stadtgeschichte gehören. Sie stehen bis heute für ein beispielhaftes Riesenpotential an Gründergeist, Aufbruchstimmung, Mut, Erfindungsreichtum, Weltoffenheit, Innovation und schwäbischem Tüftlergeist, denn sie handelten immer auch im Bewusstsein ihrer Verantwortung gegenüber der Stadt und ihren Menschen.

Wenn OB Harry Mergel mit unverhohlenem Stolz darauf verweist, dass Heilbronn im Städteranking 2015 der »Wirtschaftswoche« und auch anderer Publikationen, Platz drei bei den dynamischen Städten in Deutschland erobert hat, dann wünscht man sich, dass das nicht nur eine Momentaufnahme ist, sondern von ähnlich anhaltender Wirkung wie vor ca. 150 Jahren. Man kann die vierte industrielle Revolution auch mit dem methodischen Zweifel nach Descartes angehen als eine Voraussetzung für ihr Gelingen: Ist die Fokussierung auf die allgegenwärtigen Handlungsfelder die richtige, was wird bei der Industrie im Wandel als Folge ausblendet, was wird auf der Strecke bleiben und wie hat sich Heilbronn hier positioniert? Wer gibt in Heilbronn die Anwort auf diese Fragen? Die Blickrichtung »Wohlgelegen« ist sicher richtig, für einen Panoramablick reicht es nicht: unübersehbar rückt der Containerhafen als Mahnmal gutgemeinter aber offenbar nicht gutgemachter Initiative in den Blick. Vielleicht kommt seine Zukunft noch, bei der Stadt und der IHK will man gerne daran glauben, dass 17 Millionen (11 Millionen Euro trug der Bund, der Rest wurde über die Heilbronner Versorgungs GmbH als Betriebsführerin des Hafens finanziert) nicht in den Neckarsand gesetzt wurden, weil nun auch der Wasserstraßenausbau zu einem Jahrhundertprojekt zu werden droht. Dabei waren Heilbronner (Geheimrat Peter Bruckmann, Kommerzienrat Karl Reibel) die als Pioniere der Neckarkanalisierung dafür sorgten, dass der Wohlstand, den der Neckar auch früher schon brachte, dem ganzen Land zugute kam. Der Heilbronner Hafen, früher schon mal nach Duisburg der zweitgrößte Binnenhafen, verliert immer mehr an Bedeutung. OB HarryMergel hofft, dass für den Containerterminal die Zeit noch kommt und IHK-Geschäftsführerin Elke Döring sagt: »für die Zukunftsfähigkeit des Heilbronner Hafens wäre ein florierendes Terminal von großer Bedeutung. Bekanntlich sinkt der Umschlag von Massengütern, insbesondere der Kohle, dagegen wächst aber der Containerverkehr. Entscheidend für den Erfolg des Terminals ist ein Macher und Kümmerer, welcher hier für die Akquise und den entsprechenden Umschlag sorgt. Der bisherige Betreiber (Anm: die Bahntochter »Schenker«) kann als reguliertes Unternehmen bei der Akquise leider nicht frei agieren.« Das Schlagwort »trimodal«, der Vekehr auf Straße, Schiene und Wasser ist mit dem Containerterminal in den Heilbronner Sprachgebrauch gekommen. Die Lösungen für die Verkehrsproblematik in Stadt und Region ziehen sich wie Kaugummi. für den Ausbau der A6 fließt seit Jahren der Schweiß der edlen Streiter dafür in Politik und Wirtschaft literweise fließt, geflossen wären sogar schon längst private Mittel für die Vorfinanzierung der Planung. Jetzt muss man auch den jüngsten Dämpfer für einen Autobahnanschluss der »Böllinger Höfen« verdauen und darf bei den Bettel- und Bittgängen um einen IC-Anschluss für Heilbronn nicht verzagen. Döring sagt: »Die Verkehrsproblematik ist kein Alleinstellungsmerkmal unserer Region. Vielmehr wird deutschlandweit zu wenig in die Verkehrsinfrastruktur investiert.« Das klänge nach Kanzleitrost, wenn man nicht wüsste, dass die Handelnden aus Politik und Wirtschaft der Region nicht aufgeben, auch wenn sie sich wie Sisyphos vorkommen müssen. Warum fällt ausgerechnet diese wachstumsstarke Region in Berlin immer so»hintenrunter«?Die Bemühnungen um den A6-Ausbau sind ein gutes Beispiel für das »interkommunale Handeln«, das nach Ansicht von OB Mergel immer sicher wird und für das es noch weitere gute Beispiele gibt. Das klingt aber auch ein wenig nach Trost in Blick auf die abgewanderten Unternehmen. Eines davon ist Losberger, einst ein Heilbronner Familienbetrieb, er lieferte Markisen und Planen, dann Zelte, produziert heute Großzelte, Messenhallen, Container, die Flüchtlingen ein erstes Dach überm Kopf bieten, Event- und Messehallen, keine Fashion Week in Berlin, keine Olympiade in Peking oder London, wo nicht die Produkte aus Bad Rappenau stehen. Aber andere Mütter haben auch schöne Töchter: Die Dieffenbacher GmbH Maschinen- und Anlagenbau in Eppingen hat vor 140 Jahren als Schlosserei angefangen, heute beschäftigt sie etwa 1800 Mitarbeiter an 17 Produktions- und Vertriebsstandorten, ist weltweit ein führender Hersteller von kompletten Produktionsanlagen für die Holz-, Automobil- und Zuliefererindustrie. Nicht viel anders ist es bei Schunk, Spann- und Greiftechnik in Lauffen, mittlerweile weltweit am Markt, ein Pionier im Bereich Robotik, eine Weltfirma, die 1945 in einer Garage in Lauffen ihren Anfang nahm mit den Wurzeln im schwäbischen Tüftlergeist. Diesen kann man auch aus der Türkei mitbringen, so wie Cengiz Öztok (Tecrob GmbH), der erzählt, dass er mit 50 Euro in der Tasche von der Türkei ins Unterland kam und heute in Neckarsulm seine Roboter tanzen lässt. Genau diese Beispiele hat der Heilbronner Unternehmer und Investor Ralf Klenk vor Augen, wenn er sagt, dass das grundsolide Handwerk als Basis wirtschaftlichen Erfolgs, Handwerker und der Facharbeiter unverzichtbar sind, ein Pfund, mit dem man in Heilbronn besonders wuchern könne. Klenk ist da ganz unverdächtig »pro domo« zu reden, er hat selber 1983 eine Weltfirma mitbegründet und geführt, die Bechtle AG, die heute mit 66 IT-Systemhäusern in 14 Ländern und über 7000 Mitarbeitern europaweit agiert, global vernetzt und im Technologieindex TecDAX notiert ist und 2014 rund 2,6 Milliarden Euro umsetzte. Kennengelernt haben sich die drei damaligen Gründer an der Hochschule Heilbronn, die damals noch »Ingenieurschule« hieß. »Verachtet mir die Meister nicht!« mahnt der Chor in Wagners Oper »Die Meistersinger«. für diese Einstellung, gewachsen aus seiner Lebenserfahrung, hat Klenk hochprominente Unterstützung, die Argumente des Philosophen Julian Nida-Rümelin. Sie sind auch in den IHKs auf fruchtbaren Boden gefallen. Sein 2014 erschienenes Buch vom »Akademisierungswahn« ist Warnung und Mahnung bezogen auf den Bologna-Prozess, er fordert eine Rückbesinnung auf die europäische universitären Traditionen (z.B.einer unabhängigen Forschung) und auf die Stärken der Dualen Ausbildung in Deutschland. Nida-Rümelin argumentiert nicht aus dem Elfenbeinturm, in der Regierung Schröder war er (2001-2002) Kulturstaatsminister, von 2009 bis 2013 Mitglied im Parteivorstand und Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD. Dass Heilbronn gerade im Hinblick auf die Duale Bildung das Große Los gezogen hat, zeigt sich jetzt schon als Erfolgsfaktor für den Wandel in der Industrie, die DHBW auf dem Bildungscampus der Schwarz- Stiftung wächst und wächst, jetzt muss nur noch der Mangel an Fachkräften kleiner und kleiner werden … Ob und unter welchen Voraussetzungen Heilbronn und die Region die vierte industrielle Revolution schaffen beurteilt Elke Döring, IHK-Geschäftsführerin, so: »Die Region Heilbronn-Franken hat hervorragende Ausgangsbedingungen um die Chancen der vierten industriellen Revolution erfolgreich zu nutzen. Die hiesigen Unternehmen sind nicht nur Teil des Wandels, sie treiben ihn maßgeblich voran. Im internationalen Maßstab wirken unsere Unternehmen entscheidend und gestaltend mit. Dem Aufbau eigener digitaler Kompetenzen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Darüber hinaus sind leistungsfähige und sichere Netze weitere Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen digitalen Wandel.« »Netze«, das ist das Stichwort vor Dr. Georg Mattheis, der seinerseits ganz auf das akademische Milieu vertraut. Als Gesch.ftsführer der 2014 gegründeten »Xenios AG«, unter deren Dach zwei zfnh-Beteiligungen, die Novalung GmbH, weltweiter Technologieführer für künstliche Lungen und der Blutpumpenhersteller Medos AG, agieren, ist ein Leuchtturm innerhalb des Leuchtturmprojektes Zukunftsfonds Heilbronn (zfhn). In diesem Jahr und 2017 wird Xenios zwei »first of a kind« -Produkte auf den Markt bringen: »i-cor«, das erste Herzunterstützungssystem, das sich dem Pulsschlag des Patienten anpassen kann und derzeit an den SLK-Kliniken erprobt wird und »i-lung«, die weltweit erste künstliche Lunge, die sich mobil am Körper tragen lässt, ein immenser Zugewinn an Lebensqualität für die Patienten. Dies nach acht Jahren Vorlauf – in den USA hätte man es in zwei Jahren schaffen können, sagt Mattheis im Hinblick darauf wie sehr bürokratische Reglementierung den Fortschritt hindert. Mattheis fordert, gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung eine »Ausbildung auf Höhe der Zeit«, dazu gehöre »Wirtschaft« als Schulfach, die Wiedereinführung von Studiengebühren, vor allem aber ein »Gründerklima, ohne Neid, auch mit einer zweiten Chance, neue Offenheit gegenüber der Technologie und Netzwerke bilden, am besten schon im Studium«. für den Erfolg von Start-up-Firmen »sind Netzwerke wichtiger als Kapital«. Die vielen Weltmarktführer in der Region sind »the cherry on the cake«, sagt er. Der Kuchen, der viele nährt, ist der Mittelstand. Mattheis ist überzeugt, dass er die Xenios-Erfolge den Start-up-Bedingungen des »zfhn« verdankt: »Heilbronn entwickelt sich gut, was aber noch fehlt ist ein »Ansprechpartner«, eine Institution, die, auch ohne großen Aufwand, dabei ist.« Er nennt als Beispiele Städte in den USA und in Israel, die sich bei Start-ups, oft in ganz überschaubaren Dimensionen, als Ko-Investoren betätigen: »Das ist ein Signal!« Von solchen Vorstellungen ist man in Heilbronn noch entfernt. Hier muss man in allernächster Zeit erst einmal die Hausaufgaben in Sachen »Wirtschaftsförderung« machen, ein Feld, nach dem Ausstieg der IHK, von verbrannter Erde. Allerdings: Aufgabengebiet und Zusammensetzung der »alten« WHF-Heilbronn Franken ähnelten eher einem Bauchladen als einer schlagkräftigen Organisation. Und ein einziger Sachbearbeiter im zuständigen Dezernat von Finanzbürgermeister Martin Diepgen ist auch nicht üppig. Obwohl, man erinnert sich in Heilbronn ungern daran, es machten schon mal Investoren von Weltfirmen noch auf der Rathaustreppe kehrt, weil sie da statt des damaligen OBs nur vom Leiter des Liegenschaftsamtes empfing. OB Harry Mergel, dem das Thema durchaus am Herzen liegt, der damit auch Wahlkampfversprechen abarbeitet, verspricht noch für März eine Lösung. Elke Döring umreißt den IHK-Standpunkt so: »Wesentlich für eine erfolgreiche Wirtschaftsförderung ist die themenübergreifende Zusammenarbeit regionaler Akteure. Dies praktiziert die IHK Heilbronn-Franken schon seit Jahren und dies funktioniert in der Region schon sehr gut. Darauf müssen wir aufbauen und gemeinsam Projekte definieren.« Harry Mergel sagt: »Heilbronn ist der Motor der Region«, man wird sehen, wie er da anspringt. Dass der »Motor Stadt« auch mal hochtourig laufen kann, zeigte sich bei der Ansiedlung von Audi auf den Böllinger Höfen, da wo die digitiale Revolution in der A8-Produktion schon stattgefunden hat. Um endlich wieder (nach dem Weggang von Fiat – wer erinnert sich noch daran?) Autostadt zu werden, also Produktionsstandort, bewies man auf dem Rathaus größte Flexibilität in allen Bauangelegenheiten. Das ist nicht immer so, der Auszug von Firmen, die geradezu identitätstiftend für die Stadt waren (ein Beispiel aus jüngster Zeit ist »Münzing-Chemie«, da lief einige schlicht schief!) ist ja nicht nur unter dem Aspekt »Gewerbesteuer« schmerzhaft. Es es ist ein fatales Signal, wenn, wie gerade jetzt wieder, selbst Mittelständler mit weniger als 100 Beschäftigen aufs Land gehen, weil sie in Heilbronn nicht expandieren können. Das macht auch Ralf Klenk besorgt, er hat es selber so erfahren: »Bechtle« wäre heute noch in Heilbronn, hätte die Stadt dem explosiv wachsenden Unternehmen jene 4 Hektar Baugrund geben können, die man damals brauchte . OB Mergel sagt, auch heute habe Heilbronn kein Areal mehr in dieser Größenordnung anzubieten. In Neckarsulm rollte man seinerzeit »Bechtle« den roten Teppich aus. Allerdings ist dort die Grundstückssituation inzwischen auch nicht viel besser, schlagartig klar wurde das durch die der angekündigten Verlegung des Lidl-Sitzes nach Bad Wimpfen. Die Erinnerung daran, dass sich einst in den 70er Jahren Dieter Schwarz in Heilbronn ansiedeln wollte und dann doch in den Neckarsulmer Rötel ausweichen musste, hätte in Heilbronn eigentlich zu einem Trauma führen und wenigstens im Rückblick eine Lehre sein müssen. Wo hat Heilbronn noch Potential für Industrie- und Gewerbeansiedlungen? Die Böllinger Höfe sind fast »ausverkauft«, die Reserven für die Audi-Expansion vorgesehen. Der letzte »weiße Fleck« sind die »Steinäcker«. Oder doch nicht? Das »alte« Industriegebiet könnte eine einzige große »Spielwiese« von Ideen und Innovation für die nächste Generation werden. In London erhielt gerade »Assemble«, ein aus 18 jungen Architekten, Designern und Künstlern bestehendes Kollektiv, den wichtigsten Preis für zeitgenössische Kunst, den Turner-Preis, für ihr Projekt »Granby Four Streets« im Liverpooler Arbeiterviertel Toxteth. Zur Erinnerung: 1832, in der ersten industriellen Revolution, wurde Heilbronn, es hatte die meisten Fabriken in Württemberg, das »schwäbische Liverpool« genannt! Die Turner-Preisträger zeigen, wie man vorhandene Mittel und Möglichkeiten unter verschiedensten Bedingungen und mit ebensolchen Akteuren kreativ und wirtschaftlich sinnvoll umsetzt. Assemble unterstützte die Bewohner der Granby Four Streets im Kampf gegen den Abriss ihrer verfallenden Häuser und beim Sanierungsprozess, dabei wurden wirtschaftliche, handwerkliche und produktive Prozesse gestartet, in denen z.B. die bis dahin arbeitslose Bewohner angeleitet wurden, Baumaterialen selber zu produzieren, Bauarbeiten selber auszuführen, kleine kollektive Unternehmen wurden gestartet, Arbeitsplätze geschaffen und es geht weiter. Mit Sozialromantik hat das nichts zu tun, das ist der Torf auf dem Innovationen wachsen. In Heilbronn herrscht da eher Ausverkaufstimmung. Die frühere Immobilientochter der Bundesbahn, »Aurelis«, man kennt sie in Heilbronn von den mühevollen Verhandlungen um den Erwerb des Bahn- und Fruchtschuppenareals für die Buga und Neckarbogen, hat gerade für zwei Familiy Offices im Heilbronner Industriegebiet an der Salzstraße einen voll vermieteten Industrie- und Gewerbepark mit 15.800 Quadratmetern verkauft: »Das Areal ist durch viele mittelständische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen geprägt. Der nahegelegene Binnenhafen und die Verbindung zur A6 machen den Standort vor allem für produzierendes Gewerbe attraktiv« lobt Aurelis den Aufkauf in Heilbronn. Die Transaktion ging völlig am Rathaus vorbei. Den 50.000 qm Telefunken-Park bei der Theresienwiese hat vor kurzem eine Schweizer Investmentgesellschaft erworben. Baubürgermeister Wilfried Hajek konnte das nur so kommentieren: »Als Stadt haben wir allergrößtes Interesse daran, dass auf dem Areal auch weiterhin hochwertiges Gewerbe seinen Standort hat. Sollten Nutzungsänderungen angestrebt werden, müssten sie selbstverständlich mit dem dort geltenden Planungs- und Baurecht in Einklang stehen.« OB Harry Mergel räumt ein, dass man schon viel früher hätte beginnen müssen z.B. auch im Industriegebiet Gelände aufzukaufen und schreibt dies einer falschen Fixierung nur aufs Sparen im städtischen Haushalt zu. Aber die Vorstellung, wenigstens jetzt für die Entwicklung des Industriegebietes einen Masterplan zu erstellen gibt es nicht. Man könnte auch die in Heilbronn durchaus noch vorhandene Landwirtschaft, verärgert durch die »Bodenpolitik« des Rathauses bei den begehrten »Böllinger Höfen« milder und kompromissbereiter für einen Landtausch stimmen (z.B. mit den an sich unnötigen Südzucker-Rüben.ckern), wenn man ihr mit dem von SAP entwickelten »Digital Farming« entgegenkäme. Es hat sich gezeigt, dass das kein Gegensatz zu bodenständig sein muss, sondern in einer symbiotischen Form zusammengeführt werden kann, von der auch die Umwelt profitiert. Hier könnte Heilbronn eine Vorreiterrolle einnehmen. Es ist immer wieder dieses »zurück zu den Wurzeln«, das eben auch zählt – und seien es Rübenwurzeln. So wie es Klenk sagt: »Eine Entwicklung beginnt mit dem Bewusstsein dafür, dann braucht man ein Klimadafür und dann gibt es auch Menschen, die anpacken, vielleicht auch scheitern und andere, die auch über die Maßen erfolgreich sind. Die Verantwortung nicht auf die Politik schieben, aber verlangen, dass sie die Rahmenbedingungen setzt: »Es ist immer die Frage, ob das gewollt ist!« Sein bestes Beispiel dafür: Hohenlohe und was dort aus einem Schraubenhandel entstanden ist. Wenn auf einer Brache voller Altlasten eine blühende Landschaft entsteht, entsteht auch Neuland. Den Innovationsschub, der von der Buga ausgeht, kann man jetzt noch gar nicht abschätzen, vorstellen aber kann man sich, was bleibt. In der unmittelbaren Nachbarschaft hat der »zfhn« schon vor zehn Jahren Neuland betreten. Was da entstanden ist, sendet Impulse bis weit in die Zukunft hinein. Private Geldgeber – man muss nicht lange raten, von wem der Löwenanteil stammt – geben Kapital und Knowhow, nicht nur als Starthilfe, sondern als Begleiter auf einem oft langen Weg zum Erfolg. Hier hatte man ein Ziel vor Augen: Ein Silicon-Valley für Heilbronn, die Ansiedlung völlig neuer Branchen – und eben nicht nur Dienstleister im IT-Bereich, sondern auch als Produzenten von Medizin- und Biotechnik vor allem. Zfhn- Geschäftsführer Thomas Villinger sagt: Man wollte hier etwas ganz anderes und ganz neues für Heilbronn – und das ist wohl geglückt. Schon vergessen, dass Heilbronn, nicht nur mit Telefunken als Halbleiterproduzent einmal ganz vorne mitspielte, bevor dann doch hunderte von Arbeitsplätzen verloren gingen. Der Umbruch hier, an der Theresienwiese ist noch mit einige Fragezeichen versehen, ein Teil der hier angesiedelten (Hightech)Firmen arbeitet erfolgreich – und leise, vielleicht auch, weil man die Waffenindustrie beliefert. »Grüner« und meßbar zum Wohle der Menschheit geht es im Zukunftspark zu, im Portfolio der Firmen ist u.a. Greenovation Biotech GmbH, sie produziert hocheffiziente Glykoproteine, die bei der Behandlung seltener Krankheiten eingesetzt werden. Um dieses Feld machen bekanntlich die großen Pharmaunternehmen eine großen Bogen, auch darin besteht die Chance für die Entwicklung eines Medikamentes auf Basis von Moospflanzen (zur Behandlung von Morbus Fabry) das jetzt in der klinischen Erprobungsphase ist. Was der zfhn im Zukunftspark mitträgt, taugt mit als bestes Beispiel für den industriellen Wandel in Heilbronn – und zeigt, wohin es gehen kann. Thomas Villinger, nennt dazu ein großes Ziel: Der zfhn will in den Jahren 2016 bis 2020 Heilbronn zu einer einmaligen »Gründer-City« machen. Das kann man schon postulieren, wenn hinterm einem eines der deutschlandweit größten Family Office für Direktbeteiligungen steht – und wenn man sich des Wohlwollens der Stadt so sicher ist, dass man sagen kann »wir arbeiten Hand in Hand«. Villinger will auch weiterhin dafür »Themen finden, die einzigartig sind, die mit uns in Verbindung gebracht werden.« Die ganze baulich Anlage des Zukunftspark mit dem WTZ-Turm, errichtet von der Stadt-Tochter Stadtsiedlung GmbH, das kommende kommende Hotel, die im Neckarbogen nahegelegenen Wohnmöglichkeiten mit Kindertagesstätte, das sind Standortbedingungen, die auch gesuchte Mitarbeiter schätzen. Von München nach Heilbronn wechseln? Im Zukunftspark findet auch das statt. Auch Elke Döring sagt im Blick auf die nächsten zehn Jahre: »Ich bin davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort sein werden. Das Angebot wird sich aber sicherlich verändern. Neben Industrie-Produkten werden Dienstleistungsprodukte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Neben unseren traditionellen Branchen wie dem Maschinenbau, der IT oder der Logistik werden sich hier auch neue Industrien, wie beispielsweise die Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmazie vermehrt ansiedeln.« Auch Mergel sagt: »Der Wandel ist sichtbar und wir wissen nicht, was in den nächsten Jahren noch alles passieren wird, aber Heilbronn wird stark sein.« Noch Fragen?Wo industrielle Entwicklung stattfinden sollen, muss auch Forschung stattfinden. Dafür steht in Heilbronn vor allem die Staatliche Hochschule, sie ist mit rund 8.300 Studierenden die größte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg. 1961 als Ingenieurschule gegründet, liegt heute der Kompetenz-Schwerpunkt auf den Bereichen Technik, Wirtschaft und Informatik, bzw. »Robotik und Automation«. Gerade erhielt sie – nachdem zuletzt auch Audi schon sehr spendabel war, eine 200.000 Euro-Spende des Heilbronner Unternehmers Otto Rettenmaier für ein neues fakult.tsübergreifendes Forschungslabor. »Wir sind besser als viele firmeninterne Forschungseinrichtungen« sagt selbstbewusst Prof. Oliver Lenzen, Dekan der Fakultät, weil wir einen umfassenderen Blick haben. Zur Zeit sind 32 Professoren mit solchen industrienahen Forschungsprojekten für rund 100 regionale Firmen beschäftigt, u.a. zum Thema autonomes Fahren aber auch den Fragen zum Thema »4.0«. Dazu sagt der verantwortliche Ingenieur, Georg Wörle: »Wir führen fakultätsübergreifenden Lehre und Forschung an einem präsentablen Zentrum für Robotik und Automation zusammen.« Die Höhe eines Auftrags ist dabei nicht auschlaggebend. Lenzen sagt, er habe auch eine 320-Euro-Auftrag gerne entgegengenommen, wichtig sei, das die Betriebe zu uns kommen. Auch die private GGS (German Graduate School) auf dem Bildungscampus hat 2015 ihren Anspruch als forschungsstarke Hochschule bestätigt. Mit 28 Aufsätzen in begutachteten wissenschaftlichen Fachzeitschriften, renommierten Herausgeberbänden und Transferzeitschriften sowie acht Aufsätzen in Fachkonferenzbänden erzielte die innovative Business School erneut einen Bestwert beim Forschungsoutput, der sich auch im Ranking des Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft die Relevanz wiederspiegelt und – laut GGS – die hohe wissenschaftliche Qualität ihrer publizierten Artikel bestätigt.

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