Titelthema Job & Karriere im Hanix-Magazin No.41

Kunst geht nach Brot – und das kann man in Heilbronn lernen

Und wohin geht die Musik – und damit auch das Geschäft damit? Diese Frage stellte sich genreübergreifend. Beat Fehlmann ist Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz, sehr erfolgreich – und ohne genreübergreifende Berührungsängste. »Wir haben seit hundert Jahren keine neue funktionale Harmonik« sagt er, das sei ein Problem. Und ob es eine Klangerweiterung und eine neue Welt in der Musik geben werde, das wisse auch er nicht. Was er aber sicher weiß, ist, dass auch die Optik in einem Konzert äußerst wichtig ist, dass in einem Orchesterkollektiv auch das Individuum wahrgenommen wird, »denn immer noch sind wir besser geschult zu sehen als zu hören!« Dass er sich in Heilbronn bei der GGS noch ganz anders schulen lässt, ist kein Zufall.

Beat Fehlmann

Beat Fehlmann (41) sieht man es nicht an, was für einen Tag er hinter sich hat: Er ist morgens von Konstanz nach Heilbronn gefahren, hat ihn in den Seminarräumen der GGS (German Graduate School) auf dem Bildungscampus verbracht und ist um 20 Uhr zwar hungrig, aber immer noch uneingeschränkt aufgeschlossen und gesprächsbereit. Die paar Schritte von seinem Hotel zur DistelLitLounge ist er zu Fuß gekommen. Was treibt einen erfolgreichen Musiker, Komponisten und Intendanten dazu, zwei Jahre lang jedes zweite Wochenende und dazwischen auch noch das eine oder andere Mal bei üblicherweise 12- bis 14-Stunden-Tagen nach Heilbronn zu fahren, hier einen berufsbegleitenden Masterstudiengang (»LL.M. in Business Law«) zu belegen und dafür auch noch 10.000 Euro Studiengebühren zu entrichten? Er tut es sich und seinem Job zuliebe. *

»Prinz, die Kunst geht nach Brot!«, sagt der Maler Conti in Lessings Trauerspiel »Emilia Galotti« von 1771 – daran hat sich bis heute nichts geändert. Weniger bekannt ist, wie es im Text weitergeht: »… aber der Künstler muss auch arbeiten wollen.« Oder eben lernen. Beat Fehlmann hat eine klassische Musikerausbildung gemacht, jetzt ist er »Arbeiter«. Als er, zur Überraschung vieler, vor drei Jahren zum Intendant der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz gewählt wurde, hatte er schon Erfahrungen im Orchestermanagement (u.a. bei Justus Frantz’ »Philharmonie der Nationen«) – dennoch: Einem jungen Schweizer, damals noch nicht mal im Schwabenalter, einen Apparat mit 110 Mitarbeitern, davon 65 Musiker, und einer Menge finanzieller Probleme obendrauf anzuvertrauen, konnte nur bedeuten, dass er seine Arbeitgeber, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Konstanz, von sich überzeugt hatte.

In den Etat des Orchesters fließen je 2,5 Millionen von der Stadt und vom Land ein, der Rest auf acht Millionen muss eingespielt werden. Während landauf, landab, Theater und Orchester am Abonnentenschwund leiden, vermeldet Konstanz einen Zugewinn von rund 200 neuen Abos (z. Zt. insgesamt über 2700). Im Verhältnis der Anzahl der Abos zur Einwohnerzahl spielt die Südwestdeutsche Philharmonie damit bundesweit in der ersten Liga, ist deutscher Vizemeister.

Das schafft man nicht nur mit Musik alleine, dazu gehören Programmvielfalt, Präsenz, neue Ideen und wirtschaftliches Denken. Mit vier verschiedenen Abo-Ringen wurde die Traum-Auslastungsquote von 96 Prozent erreicht, der größte Konstanzer Konzertsaal hat nur 762 Plätze. Bei Amtsantritt erwartete Fehlmann ein Defizit von 600.000 Euro, die Budgetvereinbarung, in der er sich dazu verpflichtete es in fünf Jahren abzutragen, sei schon nach eineinhalb Jahren so weit erfüllt gewesen, dass man ihm den Rest ersparte. »Ein solches Konstrukt ist eigentlich Irrsinn« sagt Fehlmann. Da bei Orchestern die Personalkosten meist 80 Prozent des Etats betragen, bleiben als »Spielfeld« für eine »schwarze Null« nur 20 Prozent. **

Beat Fehlmann hat sich für die wirtschaftliche Seite seiner Führungsaufgaben zunächst an der Uni Zürich gezielt fit gemacht, sein Masterstudium an der GGS ist nun ein weiterer Schritt dazu. Ein Orchester wirtschaftlich aufzustellen geht in den Erfordernissen über die der Wirtschaft hinaus. Hier hat man es nicht nur mit sensiblen Musiker und einem sehr satten Markt zu tun, man muss sich auch gegenüber den Unwägbarkeiten der »Politik« behaupten und die Zuneigung des Publikums gewinnt man nicht auf einer rationalen, berechenbaren Ebene. »Laienspieler« haben da keine Chance. Ist das jetzt eine Künstlerkarriere oder eine Managerkarriere, die Fehlmann macht und wie hat er das hinkriegt? Er sagt – pures Understatement – er habe das Orchester neu positioniert und: »Die Schrauben, an der ich drehen konnte habe ich gedreht, jetzt können wir wieder vernünftig arbeiten.« Es gehe im Orchesterbetrieb viel um Zuverlässigkeit, auch im finanziellen Bereich, und einfach um »vernünftige Arbeit«.

Dazu gehören nach seiner Meinung wesentlich auch die Kenntnisse, die er jetzt in Heilbronn erwirbt. Wenn er in gut einem Jahr seinen Masterabschluss hat, ist er zwar kein »Jurist«, aber es wird ihm kein Arbeitsrechtler etwas vormachen, keine Verwaltung etwas abverlangen können, was er vom sicheren Terrain wirtschaftlichen und juristischen Wissens aus nicht einordnen könnte. Bei den immer verschärfteren Bedingungen, unter denen alle hochsubventionierten Kultureinrichtungen arbeiten, ist der Rechenstift mindestens genauso wichtig geworden, wie etwa der Dirigentenstab. »Das müsse man einfach so akzeptieren«, meint Fehlmann. ***

Auf der Suche nach einem berufsbegleitenden Studium fand er, dass das Angebot der GGS in Heilbronn eines sei, wie man es sonst in Deutschland nicht erhält, von der inhaltlichen Ausrichtung her bis hin zu den mit dem Studium verbundenen Annehmlichkeiten einer akademischen Infrastruktur, die es so sonst kaum wo gäbe. So findet er es u. a. sehr gut, dass man an der GGS juristische Grundkompetenzen auch ohne juristische Vorbildung erwerben kann, schon das zeichne die GGS in Heilbronn aus. Und auf welchem Niveau hier Wissen geboten werde, auch von den Lehrkräften, das sei ein Genuss. Während er das sagt, hat seinen Kalbsbraten mit Karotten und Kartoffelbrei genüsslich verzehrt, jetzt könnte man auch mal über Musik sprechen. Fehlmann ist ja nicht nur Intendant, sondern auch »Künstlerischer Leiter in Konstanz. ****

Und dann landet man doch wieder schnell bei deren wirtschaftlichen Aspekten. Ohne Sponsoren werde man, davon ist er überzeugt, Kulturbetriebe nicht aufrechterhalten können. »Es werden Orchester verschwinden«, sagt er, »wichtig ist deshalb, dass man sich beim Sponsoring verortet, also in der Region bleibt.« In Konstanz gelang ihm das mit vielen Partnern, persönlichen Gesprächen, Einladungen, Exklusivkonzerten, auch wenn es um kleinere Beiträge ging. Vielfalt und Format der Konzerte seien bei ihm von Sponsoring immer unberührt geblieben. Bei den sich immer stärker durchsetzenden Compliance-Regeln werde sich auch das Sponsorentum ändern. Sein GGS-Studiengangsleiter Prof. Martin Schulz ist ein international renommierter Experte auf dem Gebiet Compliance.

Etwas, das ihm in Konstanz gelungen ist, könnte Beispiel auch für Heilbronn sein: Studenten gewinnen! In Konstanz gibt es derzeit 15.000 – in Heilbronn sollen es mal 12.000 werden. Fehlmann ist mit dem Orchester in die Uni gegangen: »Auch in der Musik gibt es immer einen Standortfaktor. Der Mensch ist abhängig davon, was ihn umgibt.« Studenten, die noch nie Zugang zu Klassik hatten, könne man sowohl mit dem traditionellen Repertoire wie auch zeitgenössischer Musik so erreichen, dass sie diese Begegnung, da ist er sich sicher, nie vergessen werden. Das funktioniere allerdings nicht auf Marketing-Ebene, sondern auf Überlegungen, wie man überhaupt zusammenfinden kann. Als Erfolgsbeispiel nennt er ein Projekt von Orchester und Uni zwischen Mathematik, Informatik und Musik: »Ich glaube an gemeinsame Plattformen« sagt er. Seit neuestem können Studenten gegen Vorlage ihres Ausweises die Konzerte der Philharmonie kostenlos besuchen.

*Die tatsächlichen Studiengebühren würden laut GGS 20.000 Euro betragen, aber jeder zum Studium zugelassene Bewerber erhält ein 50-prozentiges Stipendium der Dieter Schwarz Stiftung.

** Der größte Konstanzer Konzertsaal hat 762 Plätze, die Harmonie in Heilbronn bietet für Konzerte etwa 1770 Plätzen in 5 Preiskategorien. Die durchschnittliche Platzauslastung beim WKO liegt bei 70 bis 80 Prozent. Im Rahmen einer Budgetvereinbarung trägt auch der derzeitige Intendant des Theaters Heilbronn den von seinem Vorgänger angehäuften Schuldenberg ab, der allerdings aus einer Zeit der Mittelkürzungen wg. Wirtschaftskrise stammt.

***Auch die seit dieser Saison beim WKO als »geschäftsführende Intendantin« angestellte Madeleine Landlinger, ist Musikerin und Managerin und hat sich das nötige Rüstzeug erarbeitet und einen betriebswirtschaftlichen Abschluss. Das sei aus dem heutigen Verständnis von Kulturmanagement nicht mehr wegzudenken, heißt es von ihr.

**** In Heilbronn liegt sie bei Chefdirigent Ruben Gazarian).

Kunst und Lernen

Beat Fehlmann ist übrigens in guter Gesellschaft an der GGS, auch andere »Studenten« holen sich hier die Voraussetzung dafür, in der Kunst auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Pressesprecher Thomas Rauh sagt: »Die Zusammensetzung der Studenten ist sehr vielfältig. Der Studiengang Business-Law ist für Nicht-Juristen und Wirtschaftsjuristen konzipiert. Er vermittelt die juristische Denk- und Arbeitsweise und befähigt dazu, rechtliche Chancen und Risiken zu erkennen. Die Teilnehmer des Studiengangs sind häufig schon älter als 35 Jahre und stehen mitten im Berufsleben. Ihre Berufsfelder spannen sich von den Bereichen Banken/Versicherungen über Biochemie und Ministerien bis hin zum Klinikmanagement.« Christoph Malessa studiert berufsbegleitend an der GGS im MBA und ist bei Pixomondo, einem Spezialisten für visuelle Effekte, als COO für die Abläufe zuständig. Dort sind die Visual Effects für »Games of Thrones« oder den Film »Hugo Cabret« entstanden, die dem Studio einen Oscar und mehrere Emmys einbrachten. Und auch Amy Lungu, freischaffende Violinistin und Geschäftsführerin des Kulturvereins Assumstadt macht an der GGS berufsbegleitend ihren MBA.

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