VfR Heilbronn A-Jugend DFB-Pokalsieger Hanix No.43

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Vor fast 20 Jahren hat eine Heilbronner Fußballmannschaft national für Furore gesorgt. Die A-Jugend des
VfR Heilbronn gewann sensationell den DFB-Pokal. Nun trafen sich die Helden von damals zum Klassentreffen. Ein Porträt der letzten goldenen Fußball Generation Heilbronns.Von Florian Huber
Fotos: Nico Kurth, Baumann, Klaus Krüger, Haus der Stadtgeschichte, Mathäus Jehle & Privat

Michael Wenczel schaut hinab auf das Gewusel, unten auf den Außenplätzen des Frankenstadions. Das Jugendtraining beim
FC Union Heilbronn ist an diesem Mittwochabend im April um kurz vor 19:30 Uhr gerade zu Ende gegangen. Eltern, die ihre
Kinder abholen, Trainer, verschwitzte F-Jugend-Kicker mit roten Backen, alle laufen durcheinander. Michael Wenczel ist viel herumgekommen als Fußballprofi.
Frankfurt, Ingolstadt, Augsburg. Jetzt steht er im Multifunktionsgebäude des Heilbronner Frankenstadions am Fenster, ein Logenplatz mit Blick in die Gegenwart und die eigene
Vergangenheit. »Das hier ist meine Heimat«, sagt der 38-Jährige: »Ich war seit sieben, acht Jahren nicht mehr hier. Aber hier ist die Zeit stehengeblieben. Außer einer Feuerschutzwand hat sich hier
in 20 Jahren nichts geändert. Das ist traurig.«Wenczel ist extra aus Augsburg für diesen Abend nach Heilbronn gekommen. Die Klasse von 1996 trifft sich an diesem
Mittwochabend. Nach und nach kommen sie die Treppe hoch im Multifunktionsgebäude des Frankenstadions. Auch beim
38-jährigen Peter Wagner hat die Fahrt durchs Stadiontor und der Blick auf die Nachwuchskicker den Projektor fürs Kopfkino angeworfen. »Das ist doch ganz normal, ich war auch seit Jahren nicht mehr hier. Du denkst: Wenn ihr wüsstet, dass wir auch mal
so angefangen haben«, sagt Peter Wagner.
Tja, ihr F-Jugend-Kicker von heute, wenn ihr wüsstet, wer sich da trifft und euch beim Training beobachtet hat. Männer, die
selber Väter von F-Jugend-Kickern sind. 37, 38 Jahre alt. Vor 20 Jahren haben sie im Trikot des VfR Heilbronn den DFB-Pokal
der A-Junioren gewonnen. Der einzige Heilbronner Titel von Relevanz auf deutscher Ebene im Fußball. »Eigentlich«, sagt
Peter Wagner, »sollte man da viel öfter dran denken. Für mich war es die schönste Zeit als Fußballer.« Keiner der Teamkollegen
von damals widerspricht. »Ich war noch nie auf einem Schul-Klassentreffen. Das hier ist für mich das wahre Klassentreffen«, sagt Rüdiger Rehm. Es ist das Wiedersehen der Pokalsieger von damals. Sie
führen Autohäuser, sind Handelsvertreter, fahren Taxi oder sind Magazinmacher. Heute sind sie für einen Abend wieder
A-Jugend-Fußballer. Die Kollegen, die man schon länger nicht gesehen hat, werden von oben bis unten abgescannt. Wie auf einem Schultreffen
eben. Um die Körpermitte herum haben sich bei dem einen oder anderen kleine Jahresringe gebildet. Es wird gefrotzelt, gewitzelt,
wer sich am ehesten die bella figura bewahrt hat. Wessen Frisur hat sich am meisten verändert?Bryan Adams hat einst den Summer
of 69 besungen. In einem großen, hellen Raum im Heilbronner Frankenstadion wird jetzt das Hohelied
auf den Heilbronner Summer of 96 angestimmt. Vor einigen Jahren hat der damalige Regionalligist
SG Sonnenhof Großaspach seine Heimspiele in Heilbronn ausgetragen, diesen Raum als VIP-Raum genutzt.
Jetzt ist hier nichts mehr very important. Die Wände nackt. Kein Bezug zum Fußball. Nichts. Dabei hat hier zu Zeiten des VfR Heilbronn
einmal das Fußball-Herz Nord- Württembergs geschlagen. In einer Ecke stehen drei Pokale als Relikte vergangener Tage. Der Blick aus dem
Fenster reicht von hier oben bis zum Neckar, aber niemand schaut jetzt mehr raus. Die Objekte, die da auf
den Tischen liegen, sie fesseln die neun Beobachter, die dabei wieder zu Kindern werden. Als ob sie auf dem Schulhof Sammelbilder großer
Fußballer betrachten würden. Dabei sind sie selbst auf diesen Fotos. Fast alle sind bei ihren Eltern vorstellig
geworden, die in Kellern und Dachböden die Bilder von damals gefunden haben. »Weißt du noch?«,
ist der meistgeäußerte Satz. Fotos, Zeitungsartikel, Trikots, die Menü- Karte vom Bankett im Insel-Hotel, das vor dem DFB-Pokalfinale gegen
Energie Cottbus stattfand. Jeder hat etwas anderes mitgebracht. Es sind Devotionalien, die eigentlich
die Wände hier zieren sollten. Michel, genannt »Dixie« Dörner, hätte seine Freude an den ganzen Erinnerungsstücken. Der leider
längst verstorbene Edelfan hatte nach dem Triumph im Pokalfinale des württembergischen Fußballverbandes
in Handarbeit jedem Spieler eine kleine Gedenktafel angefertigt – später musste klein noch der Zusatz DFB-Pokalsieger mit drauf. Sie haben
ihren größten Fan nicht vergessen, als die Schüler der Klasse von 1996 ihn im Dezember 2003 zu Grabe trugen.Der VfR Heilbronn, das war früher die Unterländer Jugendauswahl,
eine Art Best of. Nachwuchskicker aus Flein, Bad Rappenau, Abstatt, Bad Friedrichshall: »Du wusstest, du schaffst es nur, wenn du beim VfR Heilbronn kickst«, sagt Rüdiger Rehm. »Es
war eine Ehre und Auszeichnung, das schwarz-weiße Trikot zu tragen«, ergänzt Tobias Schwarz. »Die anderen, die kleineren
Vereine, sie haben uns gehasst«, sagt Rainer Baumgart. 

Es war ja nicht nur ein starker Jahrgang des VfR Heilbronn,
im A-Jugend-Jahrgang zuvor spielte beispielsweise Marijo Maricmit, der es, wie sein älterer Bruder Tomi, bis in die Bundesliga
schaffte. Prägend sei das zweite B-Jugend-Jahr gewesen, erinnert sich Robert Mucha: »Da hatten wir in Erwin Suchy einen Trainer,
der uns einen Plan mitgegeben hat.« Aber starke Spieler bilden noch nicht zwangsläufig eine starke Mannschaft. Am Anfang waren sich innerhalb der Truppe
einige Herrschaften so gar nicht grün, zu Saisonbeginn in der Verbandsstaffel setzt es Niederlagen. Es wurde mitunter laut in
der Kabine und auf dem Trainingsplatz. »Wir mussten erst unsere Hierarchie finden«, erinnert sich Tobias Schwarz. Jugendleiter
Otto Frey macht notgedrungen auch den Trainer, weil sich niemand anderes findet. Manchmal ist Fußball ein komisches,
von Zufällen geprägtes Spiel. Die Saison 1995/96 beginnt für den VfR schleppend in der A-Junioren-Verbandsstaffel, damals die höchste Liga. In der
Hinrunde hält die Mannschaft von Trainer Otto Frey gegen den großen VfB Stuttgart lange mit, kassiert erst in der 90. Minute das
1:2. »Da haben wir gemerkt, wir sind ja gar nicht so schlecht«, erinnert sich Offensivspieler Mutlu Cehri.
»Der Otto, der hat uns so sein lassen, wie wir waren«, sagt Tobias Schwarz, der als Kapitän eine besondere Nähe zu seinem
Trainer hatte: »Wir waren freie Vögel«, sagt Peter Wagner. Die Stärke zeigt sich auch im Heilbronner Frankenstadion,
in dem in der Rückrunde der Tabellenführer VfB Stutgart nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2 besiegt wird. Die Siegprämie:
Fleischkäse mit Kartoffelsalat, dazu ein paar Kästen Spezi. Und 20 Mark für jeden Spieler wie nach jedem Sieg. »Das Geld war
uns immer völlig egal«, sagt Sven Seeg, der Torwart.Das Gefühl der Unbesiegbarkeit entsteht langsam, schleichend.
Plötzlich ist es da und verschwindet nicht mehr. Von den letzten 20 Saisonspielen werden 19 gewonnen. Trainer Otto Frey
trägt Spiel für Spiel das gleiche rote Hemd. Fußballer sindabergläubische Kerle. »Das Geilste war zu sehen, was für ein
Lauf sich entwickeln kann«, sagt Sven Seeg. Am Ende steht für den VfR als Vize-Meister hinter dem VfB und nach einem 3:1-Sieg
im Relegationsspiel gegen den SSV Reutlingen, den Vizemeister der Südstaffel, der Aufstieg in die neugegründete A-Junioren-
Regionalliga, dem Vorläufer der heutigen Bundesliga. Weiter, immer weiter. Olli Kahn hätte seine Freude gehabt.
Der Lauf geht immer weiter, er wird zu einem Perpetuum mobile. Nach dem Bezirkspokal (trotz zweimaligem Rückstand gegen
Union Böckingen) holen die Jungs von Otto Frey den WFV-Pokal durch ein 4:0 gegen den Meister der Südstaffel, SSV Ulm. Fortan
geht es auf deutscher Ebene weiter: DFB-Pokal! Nach einem 3:2 nach Verlängerung gegen den SC Pfullendorf lässt man sich auch
vom Karlsuher SC nicht aufhalten – 1:0. Das Viertelfinale im nach Sponsor »Kicker-Sportmagazin« benannten Wettbewerb ist
erreicht. Erfolgsrituale entwickeln sich: Zum Einlauf bei den Pokalspielen wummert die Musik aus Rocky II aus den Boxen.
»Das hat uns extra gepusht«, sagt Robert Mucha. Es ist sicherlich kein Nachteil für die Heilbronner immer Heimrecht zu haben. Das
Unterland merkt, was für eine famose Erfolgstruppe es da hat, die durchs Feld des DFB-Pokals der A-Jugend pflügt. Glashütte
Jena wird im Viertelfinale mit einer 9:0-Klatsche nach Hause geschickt. »Wir haben nie den Gedanken daran verschwendet,
dass wir verlieren könnten«, sagt Peter Wagner 20 Jahre später. »Wir wollten weiterhin zusammenspielen, deshalb mussten wir
immer gewinnen«, erinnert sich Mutlu Cehri.

Die Spielzeit 95/96 ist Anfang Juli längst vorbei. Eigentlich. Doch für
Sommerpause oder Urlaubsreisen der Fußballer lässt der Spielplan keinen Raum. Seit dem 1. Juli 1996
stehen Tobias Schwarz und Rainer Baumgart beim Regionalligisten KSC II unter Vertrag, nur mit einer
Ausnahmegenehmigung sind sie auch im Halbfinale und Finale des DFBPokals dabei. Das Halbfinale steht an – und
bringt ein großes Problem mit sich: Wo nur soll das VfR-Heimspiel gegen den TSV 1860 München stattfinden? Die
Kelly Family hat das Frankenstadion für ein Konzert okkupiert. Es hatte ja keiner mit dieser famosen Siegesserie
rechnen können. So trällert nun im größten Heilbronner Stadion eine irische Großfamilie, da bleibt kein Platz für Rasensportler. Heute ist
der Heilbronner Fußball so ein bisschen wie die Kelly Family. Große Vergangenheit, klar, von denen hat
man schon mal was gehört. Aber sind die heutzutage nicht furchtbar aus der Mode geraten? In der
Bedeutungslosigkeit versunken.2.500 Zuschauer sorgen für ein pickepackevolles Stadion am See, die VfR-Mannschaft spaziert einfach vom Frankenstadion
den Neckar entlang nach Böckingen und schlägt die 60er Mal eben so mit 3:1. Finale! Oho. Finale, oho!
6.000 zahlende Zuschauer sind an jenem 14. Juli 1996 im Frankenstadion und Zeuge der finalen Sensation. So viele
Zuschauer wie seither in Heilbronn nur zu zwei, drei anderen Anlässen. Wie ein Orkan fegt der VfR Heilbronn über den Gegner
Energie Cottbus hinweg. 6:1. Sechszueins. »Und alle unsere Freunde, die Familien, sie waren mit dabei«, sagt Onur Celik.
Pokal. Jubel, Trubel, Heiterkeit an einem sonnigen Sonntag. Hinterher gibt es einen Autokorso durch Heilbronn und einen
Empfang im Rathaus beim Oberbürgermeister. Einen Autokorso gab es seither nur, wenn deutsche Nationalmannschaften
weit-weit-weg bei Weltmeisterschaften irgendetwas gewannen.In 20 Jahren wird darüber noch geredet
werden, schrieb die Heilbronner Stimme am Tag nach dem Triumph im DFB-Pokal. Das ist im Hier und
Jetzt zu 1896 Prozent korrekt. Die neun Granden von einst lesen das nun. Knapp 20 Jahre später. Solche
Sätze sorgen auch bei gestandenen Männern für Augen-Pipi. Oh, wiewar das schön, damals, als wir alle
den größten Titel in unserer Karriere geholt haben. Seither hat im Land des vierfachen Fußball-Weltmeisters
keine A-Jugend mehr den DFB-Pokal gewonnen, deren erste Mannschaft so niederklassig gespielt hat. Heute sind
die Eliteclubs unter sich. So etwas wie 1996 mit seinen Kumpels beim VfR, das hat Rüdiger
Rehm nie wieder erlebt. »Das prägt unheimlich«, sagt er. Woanders, »da war das mein Job«. Erfolg mitJugendfreunden ist anders, intensiver.
Rehm hat es von der Klasse von 1996 in Sachen Fußball am weitesten gebracht, keiner hat mehr Spiele als
Profi bestritten. Er ist der Einzige, der von seinem Sport lebt, als Trainer der SG Sonnenhof Großaspach in der
3. Liga. Obwohl Rehm damals, vor 20 Jahren, nicht unbedingt der Favorit dafür war, das waren andere wie Rainer
Baumgart oder Tobias Schwarz. Sieben, acht Spieler der goldenen Heilbronner Generation schafften
es mindestens bis in die Oberliga. Keine so schlechte Bilanz finden die neun an diesem Abend im April als sie
gemeinsam zurückblicken.Ortswechsel: In der Kabine werden Gruppenfotos geschossen.
Wer saß damals wo? Rainer Baumgart ist so etwas wie der Impresario an diesem Abend, er hat noch immer die Funktion,
die er auch damals hatte. Das genauso laute wie witzige Zentrum des Geschehens. »Wenn einer am Rand saß, dann hat ihn der
Rainer integriert«, erinnert sich Mutlu Cehri. Keiner kann die Geschichten von damals so erzählen wie Rainer Baumgart.
Es geht um Frauen, Alkohol, Jugendsünden. Ausflüge in Diskotheken. Ein Hoch auf die wilden Jugendzeiten.
Das Erfolgsgeheimnis von damals, jetzt aber mal raus mit der Sprache die Herren!
Pah, schwer zu sagen. »Wir kannten einander schon zehn Jahre«, sagt Rainer Baumgart. »Wir waren so jung, da hast du
keine Vorbehalte oder Vorurteile, es hat charakterlich einfach gepasst«, sagt Onur Celik.
Vielleicht sind es auch die längst vergessenen Siegesrituale. Robert Mucha und Tobias Schwarz rauchten einst nach jedem
Sieg eine Zigarette. »Echt?«, sagt Schwarz: »Daran kann ich mich gar nicht erinnern.« Die Erfolgsgründe, sie sind auch neben dem
Platz zu finden. Spielerväter engagieren sich als Betreuer, Mütter wie Marita Wenczel verkaufen vor den Spielen Brötchen oder
Kuchen. Das Geld landet in der Mannschaftskasse, davon werden drei Tage im österreichischen Ebbs finanziert.
Apropos Geld. Es war die kleinste Antriebsfeder. Leichtfertig und im Überschwang der Siegesserie hatte Horst Eisele, der
damalige Präsident des VfR Heilbronn, vor dem Finale jedem Spieler 1000 D-Mark versprochen, sollte der Pokal an jenem
14. Juli tatsächlich in Heilbronn bleiben. Eisele hat damals Wort gehalten, die meisten Spieler sind davon dann in den Urlaub
gefahren, es war die schöne Nachspielzeit des Sommer von 96.Deutschland war gerade mit deutschen Tugenden in England
Fußball-Europameister geworden. Kampf, Leidenschaft, Dynamik. Die alte DFB-Schule eben. Heute gibt es Fußballlabore
wie in Hoffenheim. Für Bundesligisten sind Jugend-Akademien und Nachwuchsleistungszentren vorgeschrieben. Spieler
wechseln schon mit 12 Jahren dorthin. Bei A-Junioren-Bundesligaspielen sind die meisten Zuschauer Berater, auf der
Jagd nach dem nächsten Götze, auf der Jagd nach dem großen Geld, dem schnellen Euro. Jugendbundesligaspieler verdienen
mitunter so viel wie Krankenschwestern. Manche Dinge, sagen die Ex-VfRler, waren wirklich früher besser.
Im Jahr 2016 spielt bei Bundesligamannschaften der 18-Jährige, wenn er genauso gut ist wie der 30-Jährige. Früher
war seine Aufgabe, die Ausrüstung und die Getränkekisten zu tragen. »Früher musstest du deutlich besser sein als der
Ältere«, erinnert sich Rainer Baumgart. »Ich war glücklich mit 23 Jahren meinen ersten Profivertrag zu unterschreiben«, sagt
Michael Wenczel. Heute muss man mit 23 schon den Durchbruch geschafft haben – sonst wird das nichts mehr mit der Karriere.
Die 17-, 18-, 19-Jährigen von vor 20 Jahren waren auch die Verlierer des Bosman-Urteils. Deutsche Vereine setzten lieber auf
günstige ausländische Profis, anstatt auf die eigenen Talente.
Das Jahr 1996 – es wird in diesem Sommer zum annus mirabilis des Heilbronner Fußballs. Eigentlich das Letzte,
traurigerweise ausgerechnet im 100. Jahr des Bestehens des Vereins. Dieser Pokalsieg wird zum letzten großen Abenteuer
eines Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Er ist nie wieder aufgetaucht. Sieben Jahre später gab es den
schwerkranken VfR nicht mehr, er fusionierte notgedrungen mit der Heilbronner SpVgg 07 zum FC Heilbronn, neun Jahre später
folgte dann der Zusammenschluss mit Union Böckingen zum FC Union Heilbronn. Es ist keine allzu gewagte Behauptung:
Gesundfusioniert hat sich der Heilbronner Fußball definitiv nicht. Der Blick auf die Tabelle der Bezirksliga Unterland, achte
Liga, er genügt. So überwiegt beim Treffen der Klassen von 96 die Wehmut, »dass so wenig aus unserem Erfolg entstanden ist«, wie es Tobias
Schwarz ausdrückt. »Hättest du damals einen Präsidenten gehabt, der die Mannschaft zusammenhält, wir hätten hier bei den Aktiven
alle zwei Wochen vor 2000 Leuten gespielt«, glaubt Peter Wagner. »Aus drei starken Jugendjahrgängen hättest du eine ganz starke
Aktivenmannschaft bilden können«, meint Rüdiger Rehm.Es ist wie so oft: Die größten Fehler werden im Erfolg gemacht.
Alle schauten damals auf die erste Mannschaft, die mit aller – auch finanzieller – Gewalt in die Oberliga aufsteigen sollte, damals
die vierthöchste Liga. Augen für die Juwelen in der eigenen A-Jugend hat irgendwie niemand. Erst im März, April 1996 gibt es die ersten
Vertragsgespräche mit jenen Spielern, die altersbedingt aus der Jugend ausscheiden. Tobias Schwarz und
Rainer Baumgart haben da längst beim Karlsruher SC II unterschrieben. Das Gros der DFB-Pokalsieger ist
nach der A-Juniorenzeit ausgezogen und nie wieder gekommen in ihrer Karriere. Sie haben nie wieder das
Heilbronner Trikot getragen. Weil sie wie Rüdiger Rehm oder Michael Wenczel Karriere im Profifußball
machten. Andere konnten nicht so leicht loslassen, für sie war der VfR wie die große Liebe, ohne die man
dauerhaft genauso wenig sein kann wie mit ihr. Rainer Baumgart und Peter Wagner kehrten im Verlauf
ihrer Spielerkarriere zurück an die Badstaße. »Der Prophet zählt im eigenen Land nichts«, sagt Peter
Wagner, der zu seiner Aktiven-Zeitmit dem VfR in die Oberliga aufstieg und später Spielertrainer beim FC
Heilbronn war. Sven Seeg stand für den Nachfolgeverein, den Fusionsclub
FC Heilbronn einst im Tor, Robert Mucha war hier vor einigen Jahren erst Berater des damaligen FCH, dann
in der größten Not Interimstrainer der Landesligamannschaft. Die anderen haben den Niedergang ihrer Nachfolger aus
der Ferne beobachtet, vielleicht hat das auch indirekt dazu beigetragen, den Wert des gemeinsamen Erfolges
von vor 20 Jahren zu erkennen, ihn so besonders wertzuschätzen. Er hat sich ja nie wieder wiederholt, es
gibt keine legitimen Nachfolger. Die Vergangenheit lässt sich viel leichter glorifizieren, wenn die Gegenwart
so weit entfernt von jedweder Glorie ist. Vielleicht hat man sich auch deshalb in all den Jahren nicht aus
den Augen verloren, zum zehnten, zum Fünfzehnten groß gefeiert. Ein Trio um Rüdiger Rehm geht jedes
Jahr gemeinsam Skifahren. Beim Mannschaftskapitän Tobias Schwarz laufen die Fäden zusammen, es
gibt mittlerweile sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe.Am 16. Juli 2016, zwei Tage nach dem 20. Jahrestag, wird die
Vergangenheit zur Gegenwart. Noch einmal die Vereinsfarben des VfR tragen. An diesem Abend im April geht es auch um die
Planung des Kicks zum 20. In einem Freundschaftsspiel gegen eine Allstar-Auswahl werden sie am 16. Juli im Stadion am See
noch mal selbst aktiv, das will geplant sein. »Wir müssen spielen, solange wir das noch können«, sagt Tobias Schwarz: In zehn
Jahren, zum 30-Jährigen, müssen dann die Kinder der Kinder von damals ran.
Bei einigen macht der Körper allerdings nicht mehr mit. Aus A-Jugendlichen sind in 20 Jahren AH-Kicker geworden. Aha-
Kicker, besser gesagt. Tobias Schwarz musste mit Mitte 25 aufhören, die Knie und die Hüfte. Peter Wagner hat im linken
Knie kein Kreuzband mehr, Rainer Baumgart war bis vor Kurzem noch beim SC Siegelsbach in der Sinsheimer Kreisklasse A aktiv.
Jetzt ist die Arthrose zu stark in der Hüfte. »So wie es angefangen hat, soll es enden«, sagt er. Im Trikot des VfR Heilbronn.

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