Weinstadt Heilbronn Hanix No.44

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Traditionen, Trends, Tourismus und Trollinger

Wer hat gerade ein paar Millionen übrig? Es gäbe da eine gute Anlagemöglichkeit, Zinsen
nicht nur im Promille-Bereich! Also: Kaufen Sie das Heilbronner Weingut, das gerade auf
dem Markt ist, bevor es ein Chinese oder Russe tut. Eine darauf spezialisierte Vermarktungsfirma
bietet es so an: »Es gibt auch im Weinland Württemberg vielversprechende Betriebe,
die nur darauf warten, dass ihr Potential ausgeschöpft wird. Es geht um die Nachfolge eines
14 Hektar-Traditionsweingutes bei Heilbronn – der bedeutendsten Weinstadt Württembergs.«
Na bitte, da haben wir es in der schönsten Makler-Lyrik schwarz auf weiß: »Die bedeutendste
Weinstadt!« Von Brigitte Fritz-Kador, Fotos: Ulla Kühnle, Meli Dikta & Memo Filiz

Und so geht es weiter: »Ein gesunder Wettbewerb bildet die solide Grundlage für eine ergiebige und nachhaltige Investition in der Gegend«, um dann Hans-Joachim Kurz von der Heilbronn Marketing GmbH (HMG) zu zitieren: »Mit 530 Hektar Rebfläche spielt der bereits zwölfhundertjährige Weinbau hier eine starke wirtschaftliche Rolle – besonders aufgrund seiner touristischen Anziehungskraft. Unter Weinkennern wird Heilbronn sogar »die Rotweinstadt Deutschlands genannt«. Lassen wir das Mal so stehen, tatsächlich aber liegt hier der Riesling weit vorn! Das zum Verkauf stehende Weingut sei eine attraktive Investmentchance, ein etablierter Betrieb, der mit einem strukturell überarbeiteten Geschäftsmodell eine gute Basis bilde, sich als eines der renom-miertesten Weingüter der Region durchzusetzen, heißt es weiter – Sätze, die mehr als das Objekt, sondern die ganze Situation in
der Stadt umreißen.
Ungefähr vierzehn Tage vor Drucklegung dieser Hanix-Ausgabe war das Angebot noch aktuell, sollte inzwischen doch ein Russe oder Chinese statt eines Einheimischen zugegriffen haben, kann man nur noch Gorbatschow zitieren: »Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.« Von ihr bestraft war lange auch der Württemberger Wein. Papst Benedikt erzählte, dass er jedes Mal, wenn er mit dem Zug von Stuttgart nach München durch Esslingen gefahren sei, dabei das Firmenschild »Hengstenberg« und die Weinberge sah, und bei sich dachte: »Da also kommt der Essig her!« Kein Grund zur Säuernis: Es ist so etwas im Schwange in der Region, es hat sich lange vorbereitet und wird gerade zu einer mainstreamigen Wahrnehmung: Heilbronn, die Weinhauptstadt, die von Württemberg und am besten gleich von Deutschland? So ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht, die WG Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg ist die größte in Deutschland, sicherlich auch, weil hier der Genossenschaftsgedanke besonders tief verwurzelt
ist, seit der Fusion mit Neckarsulm ist man auch die älteste in Deutschland. An Superlativen kann man sich gut aufrichten: Brackenheim ist die größte Rotweinanbaugemeinde Deutschlands und die Lembergemetropole weltweit. Darauf ist ein »Viertele« später noch einzugehen. Auch das US-Magazin »Punch« zählt schließlich »Schwaben« zu den größten Weinregionen Europas. Im vergangenen Jahr war ein Trollinger aus dem Remstal der »Summerwine of the Year« in New York.Schade, dass es keiner von den »Trollinger-Evas« war, sie hätten es verdient. Ihnen gebührt das Verdienst, da mag so mancher Weinfunktionär eine Miene machen, als hätte er Hengstenberg-Essig getrunken, diesen Urwürttemberger Wein endlich wieder ernst genommen zu haben, um ihn dann aus der Klischee-Kiste des Alt-Herren-Trunks im Henkelesglas zu holen und ihn nach einer Qualitätsoffensive mit verbindlichen Vorgaben gekühlt im Stielglas auszuschenken.

Gute Ideen finden immer ganz schnell ganz viele Nachahmer, es haben so manche aus der
Bewegung der Trollinger-Erneuerung sich dazu die Federn an den Hut gesteckt und verdrängt, dass Christina Müller-Hengerer vom Weingut Drauz-Hengerer schon im Jahr 2007 die Trollinger-Renaissance
angestoßen hat. In guter Tradition für Heilbronn, als »Riesling-Retter« kann man den 2014 verstorbenen Richard »Ritschie« Drautz vom Heilbronner Weingut Drautz-Able auch post mortem würdigen. Beide Privatweingüter führen ihren Heilbronner Stammbaum bis weit ins 15. Jahrhundert zurück. Dass eine solidarische »Frauenschaft«, die neun Trollinger-Evas (nicht nur aus Heilbronn) sind die einzige ausschließlich weibliche Winzergenossenschaft Deutschlands, den alten Herren was vormacht, hat denen anfangs auch Machosprüche (»Was wollet denn die Weiber?«) entlockt, es gab aber auch gute männliche
Begleitung, z. B. durch Gerhard Götz, den früheren Leiter der ältesten Weinbauschule Deutschlands – in Weinsberg. Mit ihrem verführerischen Eva-Etikett haben die Trollinger-Evas einen klasse
Markenauftritt hingelegt, die jetzt allgemeingültige Farbdefinition »ziegelrot« stammt u. a. von ihnen. »Wir hatten den Mut, nach draußen zu schauen und einen eigenen Stil zu entwickeln« fasst es Heidrun Hohl, eine der Evas, zusammen. Was als Produkt des jeweiligen Weingutes in die Flasche kommt, wird vorher blind verkostet. Die Gruppe hat sich über »Vinissima« gefunden, dem seit 25 Jahren bestehenden bundesweiten Netzwerk für Frauen in der Weinbranche. Längst sind sie bundesweit bekannt und werden gebucht, auch vom Sommerfest des Bundespräsidenten. Nach einer mehrseitigen Story in »Brigitte Woman« mussten sie im Akkord Probierpakete verschicken, vorwiegend an Frauen – also von wegen »Alt-Herren- Wein«! Zur Angebotspalette gehört u. a. jetzt auch »Eva’s Esprit« (Sekt) und »Adam« als Trosttrunk für Männer: Eine schöne und schwere Rotwein-Cuvee. Die Wortmarke »Der Trollinger« haben sich die klugen Evas schützen lassen.»Schade, dass man Wein nicht streicheln kann« hat der Preuße Kurt Tucholsky gesagt – die Trollinger-Evas haben ihre Streicheleinheiten verdient.
Der Weg weg vom »versauten Image« des Trollingers als Massenträger mit teils mehr als 300 Kilogramm Ertrag pro Ar, dank Ertragsreduzierung und ausgefeilter Vinifizierung hin zu einem Qualitäts-, ja sogar Premiumprodukt hat u. a. der gefürchtete englische Weinjournalist Stuart Pigott, an ihm kommtman nicht vorbei, zunächst mit viel Tadel und dann mit immer mehr Lob begleitet. Seit Jahrzehnten in Deutschland unterwegs hat er das »deutsche Weinwunder« ausgerufen, dabei Württemberg und den Trollinger nicht ausgelassen. Bei einem Weintreffen 2010 im Remstal, dem zweiten großen Trollinger-Anbaugebiet, bezeichnete er ihn als die »unterschätzteste Rebsorte Deutschlands «. Damals beurteilte er einen 2003er Trollinger Alte Reben vom Weingut Kistenmacher & Hengerer aus Heilbronn so: »Laut verbreiteter Meinung unter Fachleuten kann so ein Geschmack bei dieser Rebsorte nicht möglich sein, aber dieser Wein war ein überzeugender Beweis, was drastische Ertragsreduzierung beim Trollinger bringen kann. Dann wird aus dem grauen Entlein ein strahlender Schwan!« Spätestens seit dem die Deutschen ein Volk von (Fernseh-) Köchen geworden sind, weiß man, dass man mit einem schlechten Wein das beste Essen kaputtmachen kann. Die Weinkarten von Spitzenrestaurants bis hin zu den mehrfach besternten sind ein Indiz dafür, wie weit man es geschafft hat. Für etliche Heilbronner gilt das. Im Promilokal »Sansibar« auf Sylt stehen Weine vom Weingut Bauer aus Flein, in Gourmettempeln wie dem Barreis in Baiersbronn – und nicht nur da, sondern auch in den USA – die von Drautz-Able. Der schon erwähnte Richard Drautz ist, nachdem er als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium von Baden-Württemberg wieder in seinen Weinbaubetrieb nach Heilbronn zurückkehrte, überraschend schnell verstorben. Er war zweifellos ein Pionier des Weinbaus im Land. Für den sonst eher behäbig wirkenden Überzeugungsschwaben, was nicht zu überhören war, war »Ausbrechen aus dem Gleichen« der Ansporn Visionen für den Wein seiner Heimat zu entwickeln und dafür auch Mitmacher zu gewinnen. Er setzte schon sehr früh auf den damals so unterbewerteten und schlecht behandelten Riesling und darauf, dass man ihm auch hier und nicht nur in Rheingau, an Mosel und Nahe ein Profil geben kann – auch als Sekt. Als er 1978 den Betrieb übernommen hatte, baute man Wein in riesigen Stahltanks und ebensolchen Mengen aus. Drautz verordnete sich eine Qualitätskur mit Mengenbegrenzung und legte als Mitbegründer der HADES-Gruppe den Grundstein einer deutschen Barriqueweinkultur, die Aufnahme von 1993 in den exklusiven Club der VDP – (Prädikatsweingüter) war nur folgerichtig. Damit gehört man zur besten (Wein-)Gesellschaft, zum Weinadel mit viel Adel, das Weingut des Grafen Neipperg zählt dazu, aber auch das herrschaftliche Traditionsweingut von Othegraven an der Saar, Besitzer: Günther Jauch. Die Fortführung der mehr als 500 Jahre alten Familiengeschichte liegt heute bei Monika Drautz, ihrem Sohn Markus Drautz (Diplom Ingenieur Weinbau und Oenologie) und seiner Frau Stéphanie de Longueville-Drautz. Das Ziel einer ständigen Qualitätsmaximierung ist Erbsache geworden: Auch Markus ist auf seine Art ein »Revoluzzer«, eher stiller, bleibt aber auch bei aller Experimentierfreude bei den Wurzeln und macht aus dem häßlichen Entlein Trollinger auch einen schönen Schwan. Mit seiner Frau steht er für die junge Generation, auf der viel Hoffnung liegt, sie sind nicht die einzigen ambitionierten Jungwinzer. Unter dem Titel »Triebwerk Heilbronn« hat sich die junge Generation der Winzer der WG zusammengeschlossen und sich der Herausforderung Riesling gestellt. Wenn Wein Zukunft haben soll und diese Zukunft Heilbronn prägen soll, dann muss man diesen Antagonismus sehen: Jung sein, heißt auch schnell sein, ungeduldig – Wein aber ist ein Produkt der Zeit, es dauert, bis eine Rebe trägt, es dauert, bis aus der Traube Wein geworden ist, man trinkt ihn nicht schnell. Junge Menschen, die, auch dank eines geerbten Wein-Gens diesen Beruf fortsetzen, sind anders vererdet als die Bürschchen vom fertigen Geld. Man wünschte sich dennoch, sie würden einfach mehr in der Öffentlichkeit stattfinden, in der »Weinstadt Heilbronn« präsenter
sein, die Party-Szene nicht den Cocktail-Trinkern überlassen.Überzeugungsschwaben, was nicht zu überhören war, war »Ausbrechen aus dem Gleichen« der Ansporn Visionen für den Wein seiner Heimat zu entwickeln und dafür auch Mitmacher zu gewinnen. Er setzte schon sehr früh auf den damals so unterbewerteten und schlecht behandelten Riesling und darauf, dass man ihm auch hier und nicht nur in Rheingau, an Mosel und Nahe ein Profil geben kann – auch als Sekt. Als er 1978 den Betrieb übernommen hatte, baute man Wein in riesigen Stahltanks und ebensolchen Mengen aus. Drautz verordnete sich eine Qualitätskur mit Mengenbegrenzung und legte als Mitbegründer der HADES-Gruppe den Grundstein einer deutschen Barriqueweinkultur, die Aufnahme von 1993 in den exklusiven Club der VDP – (Prädikatsweingüter) war nur folgerichtig. Damit gehört man zur besten (Wein-)Gesellschaft, zum Weinadel mit viel Adel, das Weingut des Grafen Neipperg zählt dazu, aber auch das herrschaftliche Traditionsweingut von Othegraven an der Saar, Besitzer: Günther Jauch. Die Fortführung der mehr als 500 Jahre alten Familiengeschichte liegt heute bei Monika Drautz, ihrem Sohn Markus Drautz (Diplom Ingenieur Weinbau und Oenologie) und seiner Frau Stéphanie de Longueville-Drautz. Das Ziel einer ständigen Qualitätsmaximierung ist Erbsache geworden: Auch Markus ist auf seine Art ein »Revoluzzer«, eher stiller, bleibt aber auch bei aller Experimentierfreude bei den Wurzeln und macht aus dem häßlichen Entlein Trollinger auch einen schönen Schwan. Mit seiner Frau steht er für die junge Generation, auf der viel Hoffnung liegt, sie sind nicht die einzigen ambitionierten Jungwinzer.


Unter dem Titel »Triebwerk Heilbronn« hat sich die junge Generation der Winzer der WG zusammengeschlossen und sich der Herausforderung Riesling gestellt. Wenn Wein Zukunft haben soll und diese Zukunft Heilbronn prägen soll, dann muss man diesen Antagonismus sehen: Jung sein, heißt auch schnell sein, ungeduldig – Wein aber ist ein Produkt der Zeit, es dauert, bis eine Rebe trägt, es dauert, bis aus der Traube Wein geworden ist, man trinkt ihn nicht schnell. Junge Menschen, die, auch dank eines geerbten Wein-Gens diesen Beruf fortsetzen, sind anders vererdet als die Bürschchen vom fertigen Geld. Man wünschte sich dennoch, sie würden einfach mehr in der Öffentlichkeit stattfinden, in der »Weinstadt Heilbronn« präsenter sein, die Party-Szene nicht den Cocktail-Trinkern überlassen. Stéphanie de Longueville-Drautz ist so eine »Überzeugungstäterin«. Sie hat, obwohl von Haus aus nichts mit Wein zu tun gehabt, ihren Beruf ganz bewusst gewählt, nach einer Winzerlehre an der Hochschule Heilbronn Weinwirtschaft studiert. Sie ist offen und offensiv, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie die Weinlandschaft in Heilbronn beschreibt. Die Familie Drautz hat vor zwei Jahren ein Zeichen gesetzt und das Weingut in der Faißtstraße – keine Adresse wäre passender als eine Straße, die nach dem Bauherrn der Weinvilla benannt ist – auch mit einem anspruchsvollen Innenausbau den Zeitenwechsel sichtbar gemacht.»Wir waren gerade in der Steiermark«, erzählt sie. Da seien die Weingüter sehr viel besser vernetzt, bis dahin, dass man sich untereinander und gegenseitig empfiehlt. Diese Haltung und so
ein Verfahren würde sie sich auch für Heilbronn wünschen. Sie findet es traurig, wie wenige Weingüter sich z. B. am Tag der offenen Weingüter beteiligen: »In Heilbronn, das innerhalb der Württemberger Weinlandschaft doch einen guten Ruf hat, waren es nur vier!« sagt sie und fügt hinzu: »In Stuttgart gar keines!«
Schlägt hier die schwäbische Mentalität zu, bloss nichts preiszugeben, schon gar nicht, wenn man Erfolg hat? Konkurrenz belebt auch im Weinbau das Geschäft, aber das Verbindende kann auch eine gute Geschäftsidee sein – und dass es klappen kann, zeigt die Weinvilla, die von der WG und einer Reihe von Privatweingütern getragen wird. Dass sie gegenwärtig einen Vitaminstoß braucht, es gibt hier längst nicht mehr so viele Wein-Veranstaltungen wie in den Anfangsjahren – kann man ja ändern, denn so ein Juwel findet man nicht überall. »Im Weintourismus sind wir Schlusslicht«, sagt die gerade mal 30-Jährige. Sie darf das, denn immer noch ist das von ihrer Familie veranstaltete Wengertfest unterm Wartberg (in diesem Jahr 10. bis 13. August) eines der beliebtesten und stilvollsten in der Region. Es steckt mehr Philosophie in einer Flasche Wein als in allen Büchern dieser Welt« (Louis Pasteur 1822 – 1895) steht auf der Hompage von perspektive-wein.de, das ist ein seit 2005 bestehendes gemeinschaftliches Projekt des Studiengangs Weinbetriebswirtschaft der Hochschule Heilbronn mit dem Staatsweingut Weinsberg einschließlich eigener Weinerzeugung. Man weiß inzwischen, was junge Leute gerne trinken, beim Weindorf geht man darauf ein, es sind eher aromatische Sorten wie Traminer oder Muskateller. Der Studiengang Weinbetriebswirtschaft ist, wie auch Tourismusmanagement und Hotel- und Restaurantmanagement auf dem Campus Europaplatz angesiedelt, aber irgendwie hat man den Eindruck, dass trotz der zentralen Lage der Output ins Stadtleben von diesen Fächern steigerungsfähig wahrnehmbar sein müsste.


Ein Indiz dafür, dass Wein in der Heilbronner Gesellschaft immer noch nicht so breit angekommen ist, wie man es in den Regionen erlebt, die auch hier als Vorbild gesehen werden, also z. B. Österreich und Südtirol, ist das noch unterbelichtete Thema »Wein und Architektur«. Dabei ist es genau das, womit sich eine Stadt, eine Region aufstellen kann – den von der experimenta herbeigeschworenen Bilbao-Effekt erfüllen in Österreich und Südtirol Weingüter und Genossenschaften längstens. Gute Ansätze gibt es in der Region, man kann den Weinschatzkeller der WG dazuzählen, das Weingut Eberbach-Schäfer in Lauffen oder Leiss in Gellmersbach, ausgezeichnet mit dem 1. Preis im Architekturpreis »Wein« 2013 der Architektenkammer Rheinland-Pfalz.
Das von einem alten Weinzahn geprägte Logo »Kenner trinken Württemberger« lockt keinen Gast nach Württemberg. Und in die Besenwirtschaften? Sicher gibt es noch mehr als genug Weinfreunde, die im rustikalen Ambiente der 60er Jahre mit Griebenwurst und Sauerkraut glücklich sind – und dazu einen Wein bekommen, der garantiert anspruchsvoller ist als das Mobiliar. Aber Zukunft sieht anders aus. Es ehrt die Wengerter, wenn sie auf Qualität setzen, aber ihre Präsenz braucht dringend das, was man in der Werbesprache einen Relaunch nennt; ein neuer Auftritt macht alte Werte attraktiv. Ohne das wird es im Weintourismus nichts werden. Man kann den Eindruck haben, dass man für dessen Potential für die Region betriebsblind war. Dass und wie sich Investitionen lohnen, zeigt die WG Heilbronn, gerade hat sie den Weintourismus-Preis Baden-Württemberg bekommen, ihre Weinerlebniswelt ist ein phantastischer Anziehungspunkt geworden. Steffen Schoch von der Heilbronn Marketing GmbH hat ein Füllhorn an Ideen parat, was er braucht, sind Mitmacher auf dem mühsamen Weg, der über einen Flickenteppich an Lokal- und auch Minimalinteressen in der organisierten Tourismuslandschaft führt, in der die deutsche Kleinstaaterei überlebt hat. Wie will man da ein anderes Bewusstsein und eine Teilhabe gerade bei
den Jüngeren evozieren? Mit großem Aufwand hat er gerade das zweite Weinkultur-Festival zusammen mit Tanja Seegelke von der »Touristikgemeinschaft HeilbronnerLand e. V.« durchgezogen. Die Resonanz entsprach nicht der Mühe, manche Wengerter haben noch nicht einmal die kostenlosen Flyer abgerufen. Die Frage hier, wie immer: Wann tritt der Erfolg ein oder die Entmutigung. Das gilt auch für den Weinleseauftakt unterm Wartberg – und die Absicht, daraus ein Fest für den ganzen Württemberger
Weinbau zu machen. Weinbaupräsident Hermann Hohzeigte sich begeistert, Bedenkenträger aus der Funktionärsclique weniger. Das traditionelle Glockenläuten aller Heilbronner Kirchen und der Gottesdienst zu Beginn des Weinleseauftaktes erinnern daran, dass auch der beste Weinmacher auf Erden noch eine himmlische Instanz über sich braucht – und sei es »nur« der Wettergott. Von göttlichen Eingebungen verschont, hat man die Strahlkraft eines solches Festes mit neidgetrübtem Auge betrachtet, für das es schon Zusagen hochkarätiger Gäste aus der Politik und der deutschen Weinkönigin gibt. Dieses stimmungsvolle Fest hat sich Martin Heinrich vom Weingut G.A. Heinrich ausgedacht, auch so eine seit dem Mittelalter mit Heilbronn und dem Weinbau verwachsene Familie, der u. a. der Weinpanoramaweg, aufgewertet mit einer Skulpturenallee, zu verdanken ist, und der nebenbei auch dafür sorgte, dass die 700 Rosenstöcke, die die Gärtnerei Kölle für eine blühende Weinberglandschaft zur Buga spendete,
im letzten trockenen Winter nicht eingingen. Blühende Rosen im Weinberg, das ist ein Bild, auf das man sich freuen kann. Schoch bringt es auf den Punkt: entscheidend für den Wein-Tourismus
wird sein, welche Bilder und Emotionen entstehen, wenn von Heilbronn und Wein die Rede ist – und wie man sie hervorbringt.
In Bezug auf Buga und Wein hätte Heilbronn große Potentiale und eine »Riesenchance«, aber dafür müssten alle etwas tun. Auf der Suche nach neuen Formaten und zeitgemäßen Aktivitäten kann er
sich viel vorstellen, z. B. dass zum Kreis der Weinerlebnisführer auch noch sogenannte »Weinguides« hinzukommen, ausgebildete Führer, die Gäste gezielt, individuell und erlebnisorientiert betreuen, bis hin zur Begleitung beim Weineinkauf. Er kann sich offene Kuben in den Weinbergen vorstellen, Weinberghäuschen des 21. Jahrhunderts, die in anspruchsvoller Architektur Wegmarken setzen und offen sind fürs Feiern in den Weinbergen. Er wünscht sich eine gemeinsame Plattform, von der aus man Rallyes und Fotosafaris und dergleichen mehr macht, um die Weinlandschaft vielfältig erlebbar zu machen. Genau das hat man in Brackenheim vor. Um im gar nicht verflixten siebten Jahr seiner Bemühungen sein Projekt »WeinZeit« verwirklichen zu können, sagt Bürgermeister Rolf Kieser, dassdessen Finanzierung gesichert ist, einschließlich des Erwerbs des Brackenheimer Schlosses vom Land, das, um einen modernen Anbau
erweitert, Touristen aus nah und fern anlocken soll. Im großen Gewölbekeller wird es eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem »Haus der Geschichte des Landes« geben, wo Besucher Wein nicht nur museal erleben können. Darüber wird es Gastronomie, Kulturangebote und eine Vinothek geben, wie sie der Heimat des Heuss’schen Lieblingsweines Lemberger zusteht. Wenn nach der anstehenden Ausschreibung Kiesers Lieblings-Investor Wolfgang Scheidtweiler den endgültigen Zuschlag bekommt, dann können Gäste künftig auch im Schloss-Hotel nächtigen. In Heilbronn gibt es zwar bald ein Scheidtweiler-Parkhotel aber immer noch keine Vinothek im Stadtzentrum. Man redet schon seit Jahren darüber – erfolglos, ein Thema, bei dem auch Schoch seine gute Laune verliert. Viel Zeit sich aufzustellen hat Heilbronn nicht mehr. Die Zukunft klopft an, angefangen beim Klimawandel, dem man mit dem Anbau neuer Sorten, wie z. B. Chardonnay oder Merlot begegnen kann, vor allem dann, wenn der Riesling nach Süd-England ausgewandert sein wird, weil er hier mit zu viel Alkoholgehalt nicht mehr nur »weinselig« macht. Es sei denn, die Wissenschaft hilft mit. Längst ist man auf die Idee gekommen, Algorithmen nicht nur bei Facebook, sondern auch beim Weinmachen, beim Weingeschmack und Weinanbau einzusetzen.
Wer die zwölf Meter hohen Regale im Hochregallager der WG Heilbronn sieht, fühlt sich fast wie in einem gotischen Dom. Der elektronisch gesteuerte Gabelstapler würde ohne Algorithmen weder so schnell noch so sicher arbeiten. Nicht eine einzige Flasche ging zu Bruch, kein Gebindekarton wird aufgerissen. Zielgenau steuert er die Regale an, für jeden individuellen Auftrag, meldet die Bestände.
Einer der ältesten bekannten Algorithmen bezieht sich auf Wein, vermutlich haben sich schon die alten Griechen darüber den Kopf zerbrochen. Einen Lösungsansatz bietet der Satz von Viviani (ital. Mathematiker, 1662 bis 1703): Ein Winzer hat einen vollen Krug mit acht Liter Wein und zwei leere Krüge, von denen einer Fünf, der andere drei Liter fasst. Nun kommt ein Mann vorbei, der exakt vier Liter Wein kaufen möchte. Der Winzer hat aber nur seine drei Krüge, um den Wein abzumessen. Wie oft muss er Wein von einem Krug in einen anderen gießen, um schließlich in den beiden größeren Krügen je vier Liter zu haben? Wie dieser Wein dann schmecken soll, könnte Sache eines Suchalgorithmus werden: Wein-Design auf dieser Basis gibt es schon. Faktoren sind Schulbildung, Intelligenz und Herkunft des Genießers, für den man den Weingeschmack zu einer berechenbaren Größe macht. Der amerikanische Wirtschaftsforscher Orley Ashenfelter glaubt daran, dass das möglich ist. Er hat einen Algorithmus entwickelt, der die Qualität eines Bordeaux messen kann, errechnet aus dem Alter der Weinstöcke, den Temperaturen und den Regenmengen während des Traubenwachstums. Damit kann man Weintestern mit ihren teils tagesformabhängigen Urteilen ganz schön ins Glas spucken, aber auch die Chancen für eine marktkonforme Produktion und Verkaufsstrategien sehen. Wenn dabei nicht doch das sinnliche Vergnügen außen vor bliebe! Und das, was den wahren Kern des Weines als ein biblisches Getränk und Geschenk ausmacht! Heilbronn hat dieses Geschenk bekommen, es steht zur Debatte, was man hier daraus macht, wie hieß es doch gleich am Anfang: die bedeutendste Weinstadt. ◆

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