Jamie Trollinger, Lieblingsding Hanix No.48

»Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?«

»Was isch hier eigentlich los?« Diese Frage stellt sich jeder einmal. Manchmal auch öfter,
als einem lieb ist. Dafür gibt es für den Unterländer vielleicht ab jetzt JAMIE TROLLINGER. Der hat sich das Ganze schon mehr als einmal gefragt, zerbricht sich für dich den Kopf und walzt alles schön breit aus – als schwäbischer Bürgerjournalist. Weil es sich bei den liebsten Dingen nicht immer notwendigerweise um »Dinge« handeln muss, haben wir uns diesmal auf den Weg nach Pfaffenhofen gemacht und uns im Gäu auf eine kleine Reise an Jamies Lieblingsort entführen lassen. Interview: Sarah Baudenbacher, Fotos: Meli Dikta

Hanix: Wie genau soll ich dich jetzt ansprechen?
Jamie Trollinger: Ich bin der Jamie.
Bitte wer?
Ich bin von hier vom Gäu, bin hier aufgwachsen. Ich habe früher hier auch eine Ausbildung absolviert, aber jetzt arbeite ich als Kurier. Was gibts Schöneres, als den ganzen Tag hier durchs Zabergäu zu fahren und dafür noch Geld zu bekommen? Das ist doch wunderbar. Die Leute freuen sich, wenn ich komme. Jedenfalls kam mir beim Paketeausfahren der Gedanke, dass ich auf dieser Welt nicht mehr durchblicke. Hier schließt ein Krankenhaus, weil es zu teuer sein soll und in Amerika gibt es auf einmal einen Trump. Also musste ich mich einmischen und das mache ich jetzt. Bei der Bürgermeisterwahl in Güglingen im vergangenen Februar habe ich mich als Kandidat aufstellen lassen. Als Kandidaten müssen sie einen ja ernst nehmen, dachte ich.
Und wo genau sind wir jetzt gelandet?
Das ist mein Lieblingsort, eine Art Tante-Emma-Laden. Der ist extrem wichtig, mein Versorgungslager. Und natürlich auch als Treffpunkt in Pfaffenhofen. Hier trifft man viele Leute, die man kennt und die Mitarbeiterinnen kennt man ohnehin alle. Ich kenne keinen andern Laden, in dem man so nett bedient wird wie hier.


In wieweit prägt dich dieser Ort in deiner Rolle des Charakters »Jamie Trollinger«?
Es geht schon morgens los. Ich wohne gegenüber, meine Frau bäckt hin und wieder auch selbst Brot, aber wenn nichts Selbstgebackenes im Haus ist, springe ich geschwind rüber und hole mir ein Brötchen oder, wie eben, eine Salz-Kümmel-Seele. Die mag ich sehr gerne. Dazu hole ich mir im »Lädle« meinen Fleischsalat zum Frühstück und die Welt ist dann erstmal schwer in Ordnung. Es ist halt auch sehr geschickt mit so einem »Lädle« vis-a-vis. Brauche ich Eier, Zucker, Dieses oder Jenes … alles da. Direkt vor meiner Haustüre. Letztendlich ist der »Bäcker Wahl« mit seinem »Lädle« wie der Jamie Trollinger auch. Eine aussterbende Rasse. Schade drum. Weil jetzt mit all den modernen Einkaufszentren auf der grünen Wiese fängt im Ort das Gemecker an, dass hier nichts mehr los sei. Und deshalb unterstütze ich mein »Lädle« auch. Es ist mir wichtig, dass es erhalten bleibt. ›Nah und gut sage ich – dann fühle ich mich zuhause.‹ Nicht umsonst heißt es »Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.« Ist doch so.
Was bedeutet der Laden dir persönlich?
Schon wenn ich reinkomme, die Schiebetür aufgeht und mir der Geruch von Frischgebackenem in die Nase steigt, weiß ich, ich bin zuhause. Das ist mir sehr wichtig. Eine Gegend, von der ich weiß, dass ich dort hingehöre.
Gibt es besondere Vorkommnisse, die sich hier im »Lädle« zugetragen haben?
All die Begegnungen im »Lädle« sind besonders. Unten im Ort wohnen die alten Leute, wie die Dame da vorne. Sie kann kaum noch laufen, aber ins »Lädle« schafft sie es. Hier trifft sie immer jemanden, mit dem sie ein Schwätzchen halten kann. Wir sind alle Menschen und wir brauchen alle unsere Ansprache und jemanden, der uns fragt, wie es uns geht. Die zunehmende Anonymisierung … Ach, ich mags einfach lieber, wenn ich auch weiß, wo der Klump herkommt, den ich kaufe. Da werde ich gleich richtig emotional. Das geht mir ans Herz, was da passiert ist in den letzten Jahren.
Würdest du hier irgendwas ändern?
Ach schau die Wand da, die wurde neu gemacht. Aber ich fands davor auch schon perfekt hier. Klar kann man auch mal mit der Zeit gehen, aber nicht zu viel, wie ich meine. Alles neu muss nicht sein! In den normalen Supermärkten glauben sie, dass es etwas bringt, wenn man ständig die Regale umstellt. Und der Kunde findet seinen Kram nicht mehr. Das brauche ich nicht mehr. Das habe ich schon im normalen Leben, dass ich nicht mehr durchblicke. Wenigstens im Supermarkt muss da ein wenig Konstanz vorhanden sein. Was ich hier einfach sehr zu schätzen weiß: Die Backwaren kommen direkt aus der Backstube und die Bäcker in der Backstube liefern noch ehrliches Handwerk ab.
Meine letzte Frage erübrigt sich dann, denn du würdest den Laden hier wohl nie gegen irgendetwas tauschen.
Niemals! Also wenn es die Bäckerei Wahl hier in
Pfaffenhofen nicht mehr geben sollte, dann ziehe ich wo-
anders hin. ◆

Infos: www.jamietrollinger.de

NAME:
Jamie Trollinger (David Sansi)
BERUFUNG:
Schwäbischer Bürgerjournalismus
BERUF:
Kurierfahrer
WÜRDE SEIN LIEBLINGSDING TAUSCHEN GEGEN:
Gegen gar nichts!!!

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