Oliver Maria Schmitt-Kolumne Hanix No.48

Vorzeitige Vollmondverblödung

Die Oliver Maria Schmitt-Kolumne Heilbronn – A Nice Place To Come From

Warum Coimbra nicht der Alte Friedhof ist

In der Fledermausforschung habe ich kläglich versagt. Ich hätte früher damit anfangen sollen. Zum Beispiel damals, als wir nachts im Alten Friedhof herumlungerten. Weil die konspirative Gaststätte »Eulenspiegel« nebenan schon geschlossen und uns an die allzu frische Luft befördert hatte, musste man manch-mal auf einem Bänkchen des alten Gottesackers auf die Person warten, die man mit diversen Spätkaufaufträgen zur Tankstelle geschickt hatte.
Dass die Flattermänner, die da in der Dunkelheit unentwegt zwischen den Bäumen umherzischten, der Gattung der Großen Abendsegler zuzuordnen waren, wusste ich natürlich nicht, ja es interessierte mich nicht im Geringsten. Denn als Adoleszent hat man das zweifelhafte Vorrecht, fast ausschließlich jung und blöd zu sein. Von diesem Recht machten wir gnadenlos Gebrauch.
Als Kind mochte ich den Park eigentlich, denn er enthielt einen Grabstein, auf dem der lustige Name »Buttersack« stand, außerdem war Kaiser Wilhelm II. persönlich hier begraben, denn da stand ja auch irgendwo sein Grabmal herum. Es kam mir zwar auch ein wenig komisch vor, dass der letzte deutsche Kaiser sich ausgerechnet unser verschlafenes Neckarstädtchen als Grablege auserkoren hatte, aber gleichzeitig machte es mich auch ein bisschen stolz. Wenn schon tot – warum dann nicht in Heilbronn? Erst als wir dann nachts auf den Tankstellenkurier warteten, klärte sich das Missverständnis.
Fledermausmäßig aber lernte ich nichts dazu. So stand ich dann, ohne jegliche Vorbildung, eines Abends in einer Studentenkneipe in Coimbra. Das ist nichts Außergewöhnliches, denn weil in Coimbra Portugals berühmteste Universität residiert, eine der ältesten der Welt, sind hier fast alle Kneipen Studentenkneipen. Da stand ich nun, hielt mich an einem Mojito fest und sprach mit Luis über Fledermäuse und Verblödung. Den Studiosus der Psycho logie hatte ich kennengelernt, als ich ihn auf seinen schwarzen Umhang ansprach, die capa. Noch immer ist sie die traditionelle Bekleidung portugiesischer Studenten und in Coimbra praktisch allgegenwärtig. Wenn sie mit wehenden Schwarzkitteln über den Campus stolzierten, sahen die Hochschüler ein bisschen aus wie Figuren aus Harry-Potter-Romanen. Und das war kein Zufall, denn Joanne K. Rowling, deren Erfinderin, hat in Portugal gelebt, bevor sie ihre Bestseller veröffentlichte.
Luis hingegen schrieb gerade seine Abschlussarbeit. Sein Thema war dementia praecox, die »vorzeitige Verblödung«, ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Ich wollte aber lieber über mein neues Forschungsgebiet, die Fledermäuse sprechen. Ein bisschen sähen die Studenten in ihren capas doch auch aus wie die nachtaktiven Fledertiere, sagte ich zu Luis. Wie Batman kurz vorm Abheben. Seit ich hier war, schwirrten mir irgendwie Schwärme von Fledermäusen im Kopf herum. Am Nachmittag hatte ich die prächtige Universitätsbibliothek besichtigt, eine Kathedrale der Bücher, ein barocker Traum in Teak und Gold. Um die alten Folianten vor Motten und Bücherwürmern zu schützen, hatten findige Geister sogar eine echte Fledermauskolonie in der Bücherei angesiedelt. Jede Nacht wurden die Lesetische mit Ledertüchern abgedeckt, damit die insektenjagenden Flattermänner nicht alles vollschissen.
Mählich wurden die Stehplätze knapp, immer mehr Studenten drängten in die Kneipe. Man orderte packs, zehn Bier für zehn Euro oder vier Martinis für fünf. Immer wieder waren Sprechchöre zu hören, irgendwelche Traditionsparolen, die man an den einzelnen Fakultäten pflegte. Es war eine milde Nacht. Bald standen wir mit vier Martinis draußen. Der Vollmond war gerade hinter den mächtigen Mauern der Sé Velha aufgestiegen, der alten Kathedrale, und tauchte die Altstadtgassen in konspiratives Schummerlicht. Ich weihte Luis in die ersten Ergebnisse meiner Fledermausstudien ein: Studenten seien wie Fledermäuse, lautete meine These – tagsüber schliefen sie, zur Orientierung nutzten sie Schallwellen, und nachts machten sich auf die Jagd – nach Martinis und Bier oder nach dem Feuerkelch oder dem Stein der Weisen. Und ob ich mal seine capa überziehen dürfte, damit würde ich bestimmt abheben wie Batman.
Niemals, unter gar keinen Umständen würde ein Student seine capa verleihen, sagte Luis säuerlich, drehte sich um und ließ mich stehen. Meine Entschuldigung wollte er auch nicht mehr hören. Da gab ich die Fledermausforschung wieder auf. Vielleicht sollte ich es lieber mal mit dementia praecox versuchen? Eine vorzeitige Verblödung traue ich mir schon noch zu, gerade als gelernter Heilbronner. ◆

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