Christine Strobl im Hanix-Magazin No.41

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»Ich habe den ARD-Dreh in Heilbronn nicht verhindert«

Christine Strobl ist seit 2012 Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto. In Frankfurt trafen wir die mächtige TV-Frau, die an den Wochenenden nach Heilbronn pendelt, zum Interview und sprachen über die neue Degeto-Programmatik unter ihrer Leitung, Gleichberechtigung, Vitamin B und Heilbronn als Heimatstadt.

Christine Strobl, Programmchefin der ARD-Tochter Degeto

Hanix: Frau Strobl, wann gaben Sie das letzte Interview, in dem Sie nicht auf ihren Vater oder Ehemann angesprochen wurden?

Christine Strobl: Meistens werde ich spätestens am Ende noch dazu befragt. Das stört mich nicht. Erstens ist es inzwischen Gewohnheit und zweitens gehören die beiden schließlich zu meinem Leben dazu.

Hanix: Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal für eine Woche am Stück in Heilbronn waren?

Christine Strobl: Das ist lange her. Ich bin zwar jedes Wochenende in der Stadt und habe meine festen Rituale. Aber wann ich eine Woche am Stück in Heilbronn verbracht habe, kann ich gar nicht sagen … Mehr als drei Jahre wird es aber schon her sein.

Hanix: Was machen Sie, wenn Sie in Heilbronn sind?

Christine Strobl: Hauptsächlich einkaufen und mehrere »Schwätzchen« halten. Ich gehe auf den Wochenmarkt und danach Kaffeetrinken und mit den Leuten, die ich dabei treffe, unterhalte ich mich ausgelassen. Wenn man, wie ich, unter der Woche nicht zuhause ist, muss man sich auch um solche trivialen Dinge wie den Haushalt kümmern.

Hanix: Finden Sie in der Heilbronner Innenstadt alles, was ihr Shoppingherz begehrt?

Christine Strobl: Eigentlich kaufe ich alles in Heilbronn.

Hanix: Auch Mode?

Christine Strobl: Klar, fast alles was ich trage, ist in Heilbronn gekauft. Ich mag die Größe der Stadt unheimlich gern und habe meine Geschäfte, in denen ich alle kenne.

Hanix: Können Sie sich Heilbronn als kleine Medien- und Filmstadt vorstellen? Oder war so ein Dreh, wie im Oktober für den ARD-Film »Wer aufgibt, ist tot« eher die Ausnahme?

Christine Strobl: Eine große Medienstadt wird Heilbronn wahrscheinlich nie werden. Aber es gibt das Beispiel Ludwigsburg, wo es eine der renommiertesten Filmhochschulen Deutschlands angesiedelt ist. In dieser Richtung könnte sich ja etwas in Heilbronn etablieren, auch wenn das ein langer Weg wäre.

Hanix: Heilbronn will und muss sich nach innen und außen besser Verkaufen. Nicht umsonst sagt Harry Mergel, dass die Aktie Heilbronn aktuell unter Wert gehandelt werde. Vielleicht müsste sich Heilbronn nicht nur als Wissens-, sondern auch Medienstadt positionieren, und beides miteinander koppeln. Dann würde man Publicity automatisch aus sich selbst heraus generieren.

Christine Strobl: An Ludwigsburg sieht man jedenfalls, dass so etwas möglich ist, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Ludwigsburg als Standort der Filmakademie war auch nicht gottgegeben. Man muss das eben wollen und die richtigen Menschen zusammenbringen. Das hat sicherlich auch etwas mit dem Thema Ausbildung zu tun: In dem Moment, in dem Ausbildung angesiedelt wird, gelingt Einiges.

Hanix: Empfinden Sie Heilbronn als Ihre Heimatstadt?

Christine Strobl: Ja, absolut. Ich bin hier glücklich und möchte privat auch nirgendwo anders hin. Heilbronn ist mein Zuhause.

Hanix: Wie viel haben Sie persönlich damit zu tun, dass in Heilbronn über einen Monat (Oktober 2015) ein großer ARD-Film mit nationalen Schauspielgrößen gedreht wurde?

Christine Strobl: Am besten gar nichts. Beziehungsweise habe ich es nicht verhindert. (lacht) Grundsätzlich entscheidet sich so etwas ja auch durch die Geschichte des Films oder die Produktionsfirma, die unbedingt in einer Stadt wie Heilbronn drehen will.

Hanix: Wie war das Feedback der Filmcrew zum Drehort?

Christine Strobl: Die hat sich wohlgefühlt. Sie ist sehr offen aufgenommen worden und allen hat es in Heilbronn sehr gut gefallen, vor allem auch wegen des guten Wetters.

Hanix: Hier war man schon etwas stolz, dass so eine große Produktion in der Stadt realisiert wird. Wenn nur die Staus und Straßensperrungen nicht gewesen wären …

Christine Strobl: (lacht) Also ich habe noch nie einen Dreh erlebt, bei dem es keine Herausforderungen und damit auch vielleicht etwas Ärger gab. Der Unterschied zu beispielsweise Berlin ist aber, dass dort im vergangenen Oktober 38 Filmproduktionen stattfanden. Da ist dann die Begeisterung in der Stadt gegenüber den Einschränkungen durch Filmdrehs deutlich eingeschränkter.

Hanix: Wann werden Sie »Wer aufgibt, ist tot« erstmals sehen und wie werden Sie den Film in der Postproduktion begleiten?

Christine Strobl: Auf jeden Fall werde ich ihn vor der Ausstrahlung sehen, wie jeden unserer Filme. Das sind etwa 160 pro Jahr.

Hanix: Seit 2012 sind Sie das Degeto-Oberhaupt. Sie mussten den Laden ordentlich auf links drehen, überhaupt erst Strukturen und Verantwortungsbereiche definieren und schaffen. Waren Sie selbst erschrocken, dass so etwas Unorganisiertes und Unkontrolliertes möglich war im Hause der großen ARD?

Christine Strobl: Ich versuche, mich nicht zu viel mit Vergangenem zu beschäftigen. Aber als ich angefangen habe, war ich schon irritiert und habe es so auch nicht erwartet. Allerdings fällt hier auch eine Menge Arbeit für ein kleines Team an und da ist die Gefahr groß, dass strukturell etwas »verrutscht«. Ich glaube alles funktioniert besser, wenn man klare Aufgabenbereiche und Veranwortlichkeiten, eine offene Kommunikation und gute Organisationsstruktur hat. Das ist für mich die Grundlage für erfolgreiche Arbeit und die haben wir jetzt.

Hanix: Schon 2015 verfügten Sie wieder über den vollen redaktionellen Budgetrahmen von 160 Millionen Euro, hatten aber immer noch Altlasten abzuarbeiten. 2016 wird Ihr erstes »richtiges Jahr«; was darf erwartet werden?

Christine Strobl: In der Produktion hatten wir keine Altlasten mehr, also ist 2016 eigentlich das zweite »richtige« Jahr. Wir haben ein großes Highlight am 6. Februar, einen Zweiteiler über Uwe Barschel, der auf dem Filmfest München den renommierten Bernd Burgemeister Fernsehpreis gewonnen hat. Auf »Der Fall Barschel« kann man sich wirklich freuen. Auch »Das Programm«, ein Thriller über ein Zeugenschutzprogramm, ist ein toller Film, der zum Jahresbeginn, am 4. Januar ins TV kommt. 2016 allgemein wird ein tolles Fernseh-Jahr.

Hanix: Insgesamt verfügt die Degeto über ein Budget von 400 Millionen Euro. 240 Millionen sind, plump gesagt, für Verwaltungsaufwand vorgesehen. Das ist für Laien schwer nachzuvollziehen.

Christine Strobl: Das ist auch ein falscher Eindruck. Unser Verwaltungsaufwand ist schlank, der liegt bei nur etwa zehn Millionen. Von den 400 Millionen Jahresbudget verantworten wir 160 redaktionell, d.h., Sie können sich also bei mir über den Inhalt der Filme beschweren. Die restlichen 240 Mio. sind vertragliche, kalkulatorische und administrative Dienstleistungen, die wir für die ARD-Sender erbringen, d.h., wir machen für sie die Verträge mit den Filmproduzenten und zahlen die Rechnungen über unseren Etat. Aber mit dem Inhalt der Filme haben wir an der Stelle nichts zu tun.

Hanix: Angetreten sind Sie zum einen mit dem Ziel, die Degeto transparenter zu machen, aber auch, um für eine neue inhaltliche Programmatik zu sorgen. Sprich, das, was der Zuschauer in Zukunft auf Degeto-Sendeplätzen zu sehen bekommt, wird sich maßgeblich vom Programm der Vergangenheit unterscheiden. Weniger Liebesschnulzen, mehr Themen aus dem Alltag. Richtig?

Christine Strobl: Ja und nein. Das klingt jetzt so, als wäre alles schlecht gewesen, aber dem war überhaupt nicht so. Hier wurden herausragende Filme gemacht. Es war allerdings schon so, dass sich gerade am Freitag manches Rollenbild, manches Klischee oder manche Gesichter so sehr eingeschlichen hatten, dass man daran etwas ändern musste und auch die Qualität der Filme nicht an jeder Stelle meinem Anspruch genügte. Hier haben wir uns modernisiert und es ist daher auch so, dass unsere heutigen Filme mit denen von vor vier Jahren nicht mehr viel gemeinsam haben. Wir haben eine große Vielfalt an Darstellern, auch junge, unbekannte Gesichter. Wir erzählen andere Geschichten, wir erzählen sie viel zeitgemäßer und widmen uns auch anderen Themen. So haben wir beispielsweise den Transgender-Film »Mein Sohn Helen« mit Heino Ferch und Jannik Schümann gedreht, den man früher sicher nicht um 20.15 Uhr gezeigt hätte.

Hanix: Wie war es früher?

Christine Strobl: In der Vergangenheit war die Story eher so gestrickt, dass der Vater auf dem Bauernhof stirbt, die Tochter aus der Stadt zurückkommt, den Hof rettet und sich in ihre Jugendliebe von Land verliebt. Heute ist am Freitag um 20.15 Uhr vieles einfach moderner geworden und dem Zeitgeist entsprechend. Wir wollen eine Anlaufstelle für die Besten und Kreativsten sein.

Hanix: Klingt nach einer neuen Zeitrechnung.

Christine Strobl: Die besten Regisseure oder der Autor, der ein gutes Buch geschrieben hat, sollen zuerst zu uns kommen. Das haben wir glaube ich geschafft und darauf bin ich auch stolz.

Hanix: Hat Christine Neubauer schon bei Ihnen angerufen und sich ob des Kurswechsels beschwert?

Christine Strobl: Christine Neubauer und ich sind in ständigem Austausch, insofern muss sie gar nicht anrufen. Es gibt Phasen, in denen man als Schauspieler mal mehr und mal weniger gefragt ist. Dafür kann Frau Neubauer erst mal nichts.

Hanix: Während Ihres ersten Jahres haben Sie über 200 Einzelgespräche mit Autoren, Produzenten, Schauspielern geführt. Die guten Ideen wurden damals an die Degeto nicht mehr herangetragen. Auf welches Klima und welche Rückkopplungen sind Sie bei diesen Gesprächen mit den Kreativen der Branche gestoßen?

Christine Strobl: Die waren positiv überrascht und auch etwas skeptisch. Das Schöne an meinem Job ist, dass man viel Teamwork braucht und in ständigem Austausch steht. Manche Regisseure, die früher viel mit uns gearbeitet haben und jetzt nicht mehr so gefragt sind, sind deshalb vielleicht etwas enttäuscht, aber wir brauchen einfach auch Vielfalt.

Hanix: Haben Sie eine Lieblingsproduktion aus ihrem Hause und eine persönliche Lieblingssendung im Fernsehen?

Christine Strobl: Nein, aber unsere Filme sind alle wie kleine Babys für mich. Schließlich beschäftigen wir uns immer für eine lange Zeit mit dem Thema und gehen mit dem Team einen langen Weg zusammen, von der Idee bis zur Ausstrahlung. Ich hänge an allen Filmen und möchte stolz auf sie sein können. Privat schaue ich dann eigentlich kaum noch in den Fernseher, da ich schon beruflich vier bis sechs Stunden Filme schauen darf. Wenn ich dann mal etwas sehe, sind es meistens Nachrichten. Also könnte man sagen, dass meine Lieblingssendung außerhalb der Degeto die »Tagesschau« ist.

Hanix: Wenn man sich quer durchs umfangreiche Unterhaltungsprogramm zappt, dann schüttelt oft genug reflexartig der Kopf. Sei es wegen unsäglicher Rückblicks- oder Top-25-Shows mit D- bis H-Promis oder wegen realitätsferner TV-Schnulzen, wie sie die Degeto früher zuhauf produziert hat. Wieso fehlt Fernsehmachern der Mut, etwas zu wagen? Liegt es nur am Quotendruck?

Christine Strobl: Hier muss ich ihrer Analyse widersprechen, die ich nicht teile. Ich empfinde uns nicht als mutlos, eher im Gegenteil. Schauen sie sich nur »Er ist wieder da an«, ein, wie ich finde, wirklich mutiger Film. Und es hat funktioniert. Ich könnte Ihnen viele Beispiele aus unserem Haus nennen, die ich sehr mutig finde. Wenn man das Gesamtbild aller TV-Sender betrachtet, kann eventuell der Eindruck entstehen, den Sie angedeutet haben. Das mag dann aber auch daran liegen, dass viele Fernsehen inzwischen als eine Art Nebenbei-Medium nutzen, ähnlich wie das Radio.

Hanix: Themenwechsel. Laut Eigenaussage mussten Sie nie um Gleichberechtigung kämpfen. Sicher?

Christine Strobl: Ja, ich persönlich habe nie gespürt, dass ich als Frau Nachteile hätte. Ich kann allerdings auch nicht sagen, dass ich Vorteile hätte. Jedenfalls gab es nie eine Situation, in der ich nicht infrage kam, nur weil ich eine Frau bin. Ich weiß allerdings auch, dass es in der Summe anders ist, und achte in meinem Job darauf, auch Frauen zu fördern. Ich glaube, Frauen müssen das Thema »Netzwerk« stärker begreifen und mehr Vorbild für andere Frauen sein. Es kann ja nicht sein, dass z.B. 50 Prozent der Abgänger von Filmhochschulen weiblich sind, Regisseurinnen aber nur 20 Prozent unserer Produktionen besetzen. Hier wollen wir schon etwas ändern.

Hanix: Wie sieht es unter ihrer Regie aus: Wie viele Führungspositionen gibt es bei der Degeto und in welchem Geschlechterverhältnis sind sie besetzt?

Christine Strobl: In der Geschäftsführung sind wie bald wieder zu zweit. Spätestens zum 1. April 2016 wird Gerhard Schneider die kaufmännische Leitung der Degeto übernehmen. Da wäre das Verhältnis also 50/50. Von unseren sechs Abteilungsleitern sind zwei weiblich.

Hanix: Stellen wir uns einmal vor, Sie wären im selben Job, aber Sie hießen Christian von der Leyen, ihre Mutter wäre Verteidigungsministerin und ihre Ehefrau wäre Julia Klöckner, CDU-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz: Wären ähnlich viele Vitamin-B-Vorwürfe, was ihren Karriereweg angeht, auf Sie eingeprasselt, wie es in der Realität der Fall war?

Christine Strobl: Über solche Vorwürfe habe ich mich nie geärgert, weil mir selbst das noch zu blöd gewesen wäre. Es ist natürlich legitim, dass Menschen solche Gedanken haben, aber ich nehme mir dann immer vor, das nicht allzu ernst zu nehmen.

Hanix: Es stört Sie nicht, wenn ihre Karriere mit ihrem familiären Hintergrund verknüpft wird?

Christine Strobl: Klar kann es sein, dass man als Ehefrau oder Tochter betrachtet wird, aber im Endeffekt ist das doch egal. Ich mache meinen Job und ich mache ihn gerne und die, die ihn beurteilen müssen machen das auch. Der Rest interessiert mich nicht.

Hanix: Jetzt da wir Sie kennen und schon hier sitzen: Wir bieten Ihnen eine Idee, eine Once-in-a-lifetime-Gelegenheit für eine zukünftige ARD-Serie. Drei Schlagworte: »Bezirksliga. Voll aus dem Leben. Lustig.« Die ersten Dialoge sind auch schon geschrieben. Wirklich unterhaltsam. Wollen Sie »off the record« mehr hören? Das müsste doch genau der Stoff sein, nach dem die Degeto sucht …

Christine Strobl: (lacht) Also ich bin immer interessiert und Bezirksliga klingt ja schon mal nach großer Komödie! Wir tun uns mit Komödien sowieso nicht leicht, da es unheimlich schwierig ist, den richtigen Humor zu treffen. Schicken sie also mal was rein. Ich muss Sie jedoch warnen, dass sich viele Ideen sehr gut anhören, am Ende auf dem Papier dann aber weniger gut funktionieren. Wir hatten aber auch schon sehr gute Ideen von Leuten, die noch nie ein Drehbuch geschrieben hatten.

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