Konstantin Wecker im Hanix-Magazin No.42

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»Wir brauchen eine Revolution des Bewusstseins«

Konstantin Wecker gilt als einer der größten deutschen Liedermacher. Wir trafen den politischen Aktivisten kurz vor seinem Tourstart in seinem Haus in München und sprachen mit ihm über Anarchie und Pazifismus, Politik, Medien und die Revolution …

Hanix: Lieber Konstantin Wecker, gleich zu Beginn die Bitte, folgenden Satz zu vervollständigen: »Denk ich an Deutschland in der Nacht, …«

Konstantin Wecker: »… werd ich um den Schlaf gebracht.« Ich kann nicht mehr gut schlafen. Auf einer Demo gegen die Sicherheitskonferenz habe ich Thomas Mann zitiert: »Europa taumelt dem Abgrund entgegen.« Ich habe Angst, dass Europa wieder faschistisch wird. Ich dachte immer, ich wäre mit meiner Übersensibilität allein, aber es ist alarmierend, wie viele bekannte Künstler und Kollegen ähnlich wie ich denken. Ich habe in den letzten Wochen mit vielen von ihnen gesprochen und alle sind der Meinung, dass sich etwas ändern muss, dass wir etwas tun müssen. Viele spüren, dass selbst Menschen, die noch vor einem Jahr der Willkommenskultur wohlwollend gegenüberstanden, nun die gleichen Sprüche, die sie von den Politikern hören, nachsprechen. Die Politik hat maßlos versagt. Ich will ihr gar nicht unterstellen, dass sie AfD-nahe Ansichten vertritt, aber die Angst, Wählerstimmen zu verlieren ist so groß, dass die Parteien sich auf dieses Spiel einlassen.

Hanix: Debattierst du eigentlich lieber über Politik und gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen oder sprichst du lieber über Musik?

Konstantin Wecker: Am liebsten spreche ich eigentlich über Gedichte, meine lyrischen Vorbilder und was Worte mit mir im Laufe der Jahrzehnte gemacht haben. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich mich als Lyriker. Mein Ziel war auch schon mit 20, meine Gedichte durch Musik ans Publikum zu bringen. Damals wurden nämlich auch schon kaum Gedichte gelesen. (lacht)

Hanix: Viel öfter als zu deinen Tourneen, Songs oder Alben, wirst du von Medienvertretern nach deiner Meinung zu aktuellen politischen Themen und Debatten, wie gegenwärtig zum Beispiel zum Flüchtlingsthema, zum gesellschaftlichen Rechtsruck oder der Griechenlandkrise, befragt. Würdest du dich mit den Medien gerne häufiger über deine lyrischen und musikalischen Ergüsse unterhalten?

Konstantin Wecker: Ich spüre derzeit eine Verantwortung, die ich früher nicht annehmen wollte. Früher habe ich meine Lieder einfach in den Raum gestellt und jedem selbst überlassen, was er damit anfängt und die Verantwortung abgegeben. Heute – und das hängt wohl mit meinem Alter zusammen – sehe ich das anders; vielleicht, weil sich die Gesellschaft verändert hat.

Hanix: Inwiefern hat sie sich verändert?

Konstantin Wecker: In den 70ern und 80ern hat die große Friedens-, davor war es die Studentenbewegung, vieles richtig erkannt und in einem gesellschaftlichen Rahmen diskutiert. Dieser Rahmen war damals aber nicht annähernd so katastrophal, wie er heute ist: Es gab eine SPD, die noch etwas mit ihrem Namen zu tun hatte. Durch die Angst vor dem starken Ostblock hatten die Politiker Vorbehalte, nicht allzu undemokratisch zu werden – das ist jetzt alles weggefallen, da der Gegner fehlt. Zusätzlich waren wir damals noch weit von dem weltweiten, finanziellen Desaster entfernt, wie es heute der Fall ist.

Hanix: Es kommen also immer mehr Probleme auf unsere Gesellschaft beziehungsweise die Menschheit zu.

Konstantin Wecker: Genau. Wenn man liest, dass 62 Superreiche so viel Geld besitzen wie 3,5 Milliarden Arme, dann weiß man doch als einigermaßen intelligenter Mensch, dass diese Ungerechtigkeit zu einer Katastrophe führen muss. Irgendwann kommen diese Milliarden zu uns – schon jetzt sind es schließlich Millionen, die sich diese Ungerechtigkeit nicht mehr bieten lassen können, auf der Flucht. Was fehlt, ist der Aufschrei in der Gesellschaft. Der gemeine Bürger denkt sich nur: »Jo mei, wenns dem Reichen gut geht, gehts uns auch gut«. Das wurde uns ja immer eingetrichtert. Wenn man aber ein bisschen nachdenkt, merkt man doch, dass es uns eben nicht gut geht: Je besser es den Reichen geht, desto schlechter geht es den Armen. Das merkt man an der Leiharbeit und an der Kürzung der Löhne. Menschen werden in Angst versetzt, weil sie ihre Jobs verlieren könnten. Das war in den 70ern nicht der Fall, damals hat man immer einen Job gefunden. Das ist vorbei. Da haben alle europäischen sozialdemokratischen oder sozialistischen Parteien, die das hätten verhindern sollen, versagt.

Hanix: Woran liegt dieses Versagen deiner Meinung nach?

Konstantin Wecker: Ich glaube, es liegt am Machterhalt, der den Parteien wichtiger als früher geworden ist. Menschen gehen in die Politik, um in die Politik zu gehen und nicht, um mit Leidenschaft eine Ideologie zu vertreten. Politik ist zu einem Geschäft geworden. Gerade als konservativer Politiker weiß man doch, dass man nebenbei noch die besten Aufsichtsratsposten bekommt und die besten Beziehungen zur Wirtschaft aufbaut und richtig viel Geld verdienen kann. Was mich allerdings hoffnungsvoll stimmt, sind die Kommunalpolitiker auf dem Land. Unter denen gibt es noch echte Idealisten.

Hanix: Weshalb, glaubst du, ist deine politische Meinung nach wie vor so gefragt? Fehlt es an meinungsfreudigen Künstlern und Liedermachern, die deutlich jünger sind als du?

Konstantin Wecker: Diese jungen, politischen Künstler gibt es schon. Sie haben zwar ihr Publikum und geben richtig Gas, wie beispielsweise Cynthia Nickschas, die auf meinem Label »Sturm & Klang« unter Vertrag ist. Jedoch sind sie nicht so gefragt, weil sich die Zeiten geändert haben. Meine Generation hatte damals eine Chance, weil die Liedermacherei einen riesigen Hype erfuhr. Plötzlich gingen Tausende zu Konzerten von Künstlern wie Danzer, Degenhardt, Wagner oder mir. Das wird es einfach nicht mehr geben; das System ist klug genug, diese Musik nicht mehr zu hypen. (lacht)

Hanix: Dein aktuelles Album »Ohne Warum«, mit dem du auf Tour bist, ist auch ein Statement gegen Krieg, für Frieden, für eine Revolution gegen das neoliberalistische, kapitalistische System. Das deckt sich mit deiner Ansicht, dass ein Künstler auch eine gesellschaftliche Verpflichtung hat. Haben Künstler diese Verpflichtung noch mehr als die Ottonormal-Bürger?

Konstantin Wecker: Nein, denn jeder Mensch hat das Recht, sich über eine längere Zeit zurückzuziehen, in seinem Elfenbeinturm zu sitzen und nachzudenken, zu meditieren und Spiritualität zu erfahren, um ein besserer Mensch zu werden. Bernie Glassman, ein jüdischer Zen-Meister, den ich persönlich kenne, vertritt jedoch die Meinung, dass aktive Hilfe wichtiger als die eigene Selbsterkenntnis ist. Reine »Erleuchtung« reicht nicht mehr aus, man muss sich auch engagieren, was der Dalai Lama übrigens schon seit Längerem propagiert. Vielleicht erfährt man die eigene Erleuchtung ja sogar bei der Elendsbekämpfung. Meine Frau und mein Sohn waren auf Lesbos. Das Elend der Geflüchteten, das sie dort erlebt haben, sagen sie, hat ihr Leben verändert. Diese Erfahrungen möchten sie auf keinen Fall missen. Wir lesen in den Medien nur die Zahlen, von den eigentlichen Schicksalen dahinter bekommt man jedoch kaum etwas mit. Wenn sich also jeder, der im Netz solche hässlichen Dinge wie »Lasst die doch alle ersaufen!« verbreitet, dieses Elend nur einmal sehen würde, wäre die Welt ein besserer Ort. Eine gesellschaftliche Verpflichtung hat also jeder, Künstler wie Nicht-Künstler gleichermaßen.

Hanix: Die aktuellen Zeiten fordern geradezu zu Widerstand, Rebellion und Revolution heraus hast du gesagt. Du bist überzeugter Pazifist. Könnte so eine Revolution gegen das aktuelle Finanz- und Politestablishment gewaltfrei ans Ziel gelangen?

Konstantin Wecker: Meines Erachtens geht das nur gewaltfrei. Allerdings kann man so etwas nur für sich selbst entscheiden. Ich bin als Pazifist auch nicht automatisch der bessere Mensch, der immer Recht hat. Ich wüsste auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir Gewalt angedroht würde. Ich weiß nur, dass ich keine Waffe in der Hand hätte. Ganz sicher bin ich jedoch, dass eine Welt, so wie ich sie mir vorstelle, nur gewaltfrei und demokratisch sein kann.

Hanix: Würdest du, theoretisch, eine Revolution, die sehr blutig, aber siegreich für deine Sache ausgehen würde, wollen?

Konstantin Wecker: Nein, auf keinen Fall. Das würde nicht funktionieren. Wir brauchen eine Revolution des Bewusstseins, eine Revolution der Vernetzung von verschiedenen Ideen. Denn ich habe furchtbare Angst davor, dass wieder eine einzelne Person auf die Idee kommt, zu behaupten, dass sie weiß, wie unsere Welt funktioniert. Das hat noch nie funktioniert. Keine einzige Person ist so klug, das für sich beanspruchen zu können.

Hanix: Ist Macht vielleicht einfach zu berauschend?

Konstantin Wecker: Ich glaube schon. Macht verändert den Charakter. Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich mich zur Anarchie bekenne. Ich denke, dass alle Ideologien, selbst wenn sie sehr viel Gutes beinhalten, irgendwann erstarren. Eigentlich besitzt die Demokratie die Möglichkeit, alles in Bewegung zu halten, aber in den letzten 15 Jahren haben wir es versäumt, dafür zu sorgen, dass die Dinge nicht erstarren. Wir haben die Demokratie für zu selbstverständlich gehalten.

Hanix: Provokativ gefragt: War es denn in der Vergangenheit wirklich besser?

Konstantin Wecker: Das glaube ich schon. In den 70ern gab es genug Gründe für die Politiker, wenigstens mal nachzudenken, da sie immer kritisiert wurden. Heute wird ja fast nichts mehr kritisiert oder man bekommt davon gar nichts mit. Hast du gewusst, dass es eine »attac«-Demonstration in Berlin mit 300.000 Menschen gab? Davon konnte man kaum etwas lesen. Nur, dass ein paar idiotische Nazis versucht haben, sich darunter zu mischen. Das wurde dann so aufgebauscht, als sei das eine rechte Versammlung gewesen. Das kenne ich schon seit unseren Demonstrationen gegen den Irakkrieg in den späten 80ern und frühen 90ern. Die Nazis haben immer so getan, als seien sie Teil der Friedensbewegung. Man versucht dann, denen einen Platzverweis zu erteilen, wie wir es zuletzt in München mit ein paar Pegida-Leuten gemacht haben, aber du kannst so etwas nie ganz verhindern. Zu behaupten, die Friedensdemos seien von Anfang an von Nazis unterwandert, ist eine Unverschämtheit.

Hanix: »Ohne Warum«, deinen Albumtitel, hast du gewählt, um deine Leidenschaft für Bedingungslosigkeit im Leben zu verdeutlichen. Um deine Gedanken dazu zu veranschaulichen, bedienst du dich der Rose, die blüht, weil sie blühen muss, und nicht weil sie vielleicht jemandem gefallen könnte. Du willst deine Kinder auch zu nichts erziehen, jedenfalls nicht zum herrschenden Leistungsgedanken. Woher kommt deine Überzeugung, dass Bedingungslosigkeit eine gute Sache ist?

Konstantin Wecker: Diese Bedingungslosigkeit wurde mir in die Wiege gelegt. Als Kind durfte ich ohne warum Musik machen und ohne warum singen. Das war die paradiesischste Zeit, meines Lebens. Ich hatte Glück, solche Eltern wie meine zu haben. Mein Vater war der sanfteste Mensch überhaupt, obwohl er 1914 geboren ist, der Zeit der schwarzen, militärischen und strengen Erziehung. Ich bin mit der Oper, mit Mozart, mit Schubert, mit Puccini groß geworden, habe viel Klavier gespielt. Trotzdem war ich ein »normaler« Bub und habe viel Sport gemacht, das war einfach alles selbstverständlich.

Hanix: Eine siegreiche, friedliche Revolution muss nach dieser Logik auch mit dem Volk geschehen, richtig? Sind wir noch weit davon entfernt, nicht anders zu können, als zu rebellieren?

Konstantin Wecker: Ich habe in meinem Leben miterlebt, wie schnell sich Weltgeschichte ändern kann. Das war beim Fall der Mauer so, an den wohl niemand geglaubt hat, aber plötzlich passierte es, wie ein Blitzschlag. Jetzt gerade ändert sich die Weltgeschichte wieder, wenn auch sehr viel unangenehmer als damals. Dennoch verbinden sich gerade durch das Internet ganz viele Menschen miteinander, die das vorher nie gekonnt hätten. Ich halte es für durchaus realisierbar, dass dadurch ein Sprung der Gesellschaft möglich wird. Die Idee dabei ist so einfach: Wir haben jetzt seit 10.000 Jahren ein System des Besitzes, Konkurrenzkampfs und dauerhaften Wettbewerbs, das unsere Welt kaputtmacht. Wir müssen endlich einsehen, dass das, was wir Fortschritt nennen, gar kein Fortschritt ist. Wie heißt es so schön: Der Fortschritt einer Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. In diesem Punkt haben wir doch versagt. Dabei muss man nur lernen, auf Konkurrenz zu verzichten. Dann klappt es auch mit der Revolution.

Hanix: Hast du das Gefühl, dass die Menschen das vielleicht irgendwann realisieren?

Konstantin Wecker: Ja das habe ich, deshalb mache ich mir auch noch Hoffnung. Nehmen wir das plakative Beispiel Pegida, die bei ungefähr 10 Prozent in den Umfragen stehen. Diese 10 Prozent merken ja auch, dass etwas nicht stimmt, nur ziehen sie die falschen Schlüsse daraus. Es ist schade, dass man diese Menschen nicht dazu bekommen hat, gegen die Deutsche Bank zu sein. Stattdessen sind sie jetzt gegen Flüchtlinge. Diese Menschen sind nicht in der Lage, die wahre Ursache für ihr Unwohlsein zu erkennen. Was wir jetzt brauchen – und das macht mir Sorgen – ist eine einige, sich nicht zerfleischende, antifaschistische Linke. Wenn wir deutschen Linken nämlich eines können, dann, uns gegenseitig zu zerfleischen und aufzuspalten, das habe ich selbst in den 70ern miterlebt. Nur deshalb hat es die neoliberale Konterrevolution geschafft, so unglaublich stark zu werden. Jetzt habe ich die Hoffnung, dass sich linke Kräfte gegen den aufkommenden, immer unverschämter werdenden Faschismus bündeln, ohne dabei gleich wieder die einzig wahre Ideologie entwickeln zu wollen.

Hanix: Ist so ein Bündnis in Deutschland überhaupt möglich?

Konstantin Wecker: Schwierig. Nehmen wir zum Beispiel Varoufakis und sein neues Bündnis DiEM 25. Kaum stellt er es vor, wird er von allen Seiten attackiert, wird ihm Eitelkeit vorgeworfen. Sofort gibt es wieder Streitereien. Natürlich muss man verschiedene Ideen und Ideologien hinterfragen und ausdiskutieren, aber wenn es wie jetzt darum geht, Faschismus zu verhindern, braucht es Geschlossenheit. Dafür müssen wir etwas tun.

Hanix: Kann die Generation Golf, Y und Praktikum überhaupt eine Revolution bewerkstelligen? Sind wir nicht zu weich, schein-individuell und bequem? Wenn etwas nicht mit einem »Gefällt-mir-Klick« bewerkstelligt werden kann, wird es oft schon zu anstrengend.

Konstantin Wecker: Ich mache mir Sorgen um diese Generation. Sie möchte sich in erster Linie etablieren, viel Geld verdienen, Häuser bauen, Familien gründen. Und das kann man ihr natürlich nicht verübeln. Aber sollte Europa wieder einen Weg in den Faschismus nehmen – man muss ja nur nach Ungarn schauen – habe ich wenig Hoffnung, dass sich diese Generation wehren würde. Jetzt haben alle brav BWL studiert und sie werden das auch nicht einfach wegschmeißen wollen. Wahrscheinlich sind sie sowieso völlig anderer Meinung als ich und halten mich für einen totalen Spinner, der Quatsch erzählt. (lacht) Der Wahn dieser Generation besteht darin, zu glauben, dass es einen dauerhaften Gewinn gibt und dass man nur sein Stück vom Kuchen bekommen muss und einer dieser 62 Superreichen werden kann. Dabei ist unsere Welt jetzt schon ausgebeutet und es wird ein schauerliches Erwachen für spätere Generationen geben. Mit 20 glaubt man auch noch, dass viel Geld und Macht auch viel Glück bedeuten. Ein Irrtum. Das Erstrebenswerte – und da greife ich mich mehr als alle anderen an – sollte Besitzlosigkeit sein.

Hanix: Du bist selbsternannter Utopist und Träumer. Diese Frage geht an den Realisten Konstantin Wecker: Wie sehen Deutschland und die Welt 2020 aus? Beschreiten die Neoliberalisten und Heuschreckenkapitalisten ihren Siegeszug weiter?

Konstantin Wecker: Ich habe mir in Gesprächen mit Familie und Freunden schon Gedanken gemacht, wohin man auswandern könnte. Vielleicht nach Kanada, mit ihrem neuen Premier.

Hanix: Um nochmal auf die Internet-Generation zurückzukommen. Ist das Netz Fluch oder Segen?

Konstantin Wecker: Ich glaube, es ist immer noch ein Segen. Man erfährt Dinge, die man früher nicht erfahren hätte, beispielsweise über TTIP. Es gibt kluge Menschen, die daran arbeiten, das Netz vor staatlichem Zugriff zu schützen; Hacker sind oftmals auf einer guten gedanklichen Linie, was das angeht. Ein Fluch des Internets ist nur, dass eben ein paar Vollidioten ihre Verschwörungstheorien oder ihren Rassismus verbreiten können. Dem kann man entgegentreten oder es einfach ignorieren, gerade wenn man sich ihre extremen orthografischen Schwächen ansieht. Und ich bin mir sicher, dass sich solche Menschen, wenn man ihnen im echten Leben gegenüberstehen würde, ganz anders verhalten würden.

Hanix: Die etablierten Medien kamen, gerade durch Kampagnen und Shitstorms in den sozialen Netzwerken zur zweifelhaften Auszeichnung »Lügenpresse«. Gerade die Rechten bemühen den Begriff gerne. Aber auch die Linken und immer mehr aus der Mitte sind mit der Berichterstattung unzufrieden. Wie nimmst du die Arbeit der Politik- und Nachrichtenredaktionen im letzten Jahr wahr? Sind sie vertrauenswürdig?

Konstantin Wecker: Wenn man wie ich die Medienlandschaft schon seit Jahrzehnten verfolgt, merkt man natürlich den Kurs. Der ist bei manchen eher konservativ, bei anderen weniger. Es gibt trotz allem immer noch viele Journalisten, die eine gute Arbeit machen. Mit der Meinung mancher Journalisten stimme ich nicht überein, dafür aber mit der Meinung anderer. Deshalb kann man aber nicht von Lügenpresse reden. Und ich glaube, dass doch die Leute, die am lautesten Lügenpresse schreien, niemals Zeitung gelesen haben. Wenn, dann lesen sie nur diese eine Zeitung. Und je mehr Pegida und AfD von Lügenpresse sprechen, desto mehr springe ich der Presse zur Seite. Die haben kein Recht dazu, die Presse zu kritisieren. Das ist doch so, wie wenn jemand Dostojewski kritisieren will, aber gerade mal die Hälfte vom Vorwort gelesen hat.

Hanix: Haben die Medien die AfD relevant geschrieben und gesendet?

Konstantin Wecker: Ja das haben sie und gleichzeitig zu wenig über die Nazistraftaten im letzten Jahr berichtet. Dennoch ist es gut, dass von den etablierten Medien kaum jemand ein gutes Wort an der AfD gelassen hat und auch positiv über die Willkommenskultur berichtet wurde.

Hanix: Potenzielle AfD-Wähler sind zu 120% männlich hat eine Umfrage ergeben. Schießbefehlsrhetorik kommt aber von den AfD-Frontfrauen. Wie passt das zusammen? Wie würde der von dir sehr geschätzte, inzwischen verstorbene, Psychoanalytiker Arno Gruen diese AfD-Eigenheit erklären?

Konstantin Wecker: In einer strengen Ideologie – und das sind ja Menschen, die einer strengen Ideologie unterworfen sind – wird das Weibliche auf eine bestimmte Funktion dezidiert. Deshalb bin ich überzeugt, dass jemand wie Frau Petry auch sagen würde, dass Frauen an den Kochtopf gehören. Aber das ist deren Taktik: Da wird schnell vorgeprescht, um Wählerstimmen abzufischen und dann nimmt man das wieder ein bisschen zurück, wie es ja gerade mit dieser Frau von Storch passiert ist.

Hanix: Womit wir bei der nächsten Frage sind: Wenn Du eine Aussage, wie zum Schießbefehl an deutschen Grenzen von AfD-Frau Beatrix von Storch hörst, hättest du als Pazifist nicht gut Lust ihr high five zu geben? Mit dem Knie. Ins Gesicht. Sei ehrlich …

Konstantin Wecker: (lacht) Nein, das war noch nie meine Art. Wobei ich eines gestehen muss: Vor einigen Wochen wurden in Griechenland ein paar deutsche Nazis, die bei dieser Nazi-Bewegung »Morgenröte« mitmachen wollten, von linken Athenern verprügelt. Da konnte ich mich einer klammheimlichen Freude nicht erwehren. Ich habe ein Bedürfnis dagegenzuhalten, aber nicht mit Gewalt.

Hanix: In Bayern übernimmt die CSU die Arbeit für die AfD und fischt ordentlich am rechten Rand. Wünschst du dir beim Auftreten von Horst Seehofer eigentlich Edmund Stoiber, Theo Waigel oder gar Franz-Josef Strauß zurück?

Konstantin Wecker: Nein. Keinen der drei. Sich Strauß zurückzuwünschen wäre sowieso undenkbar. Da ist Seehofer wirklich das kleinere Übel. Der wäre ja alles, wenn er nur dafür gewählt werden würde, sogar links. Seehofer ist ein klassischer, schmerzfreier Populist. Und Strauß war ein Verbrecher, der sich persönlich bereichert hat und dafür in seiner Partei immer noch verehrt wird. Wie man einen Flughafen nach einem solchen Menschen benennen kann, ist schon ungeheuer. Wir wollen jetzt übrigens einen Aufruf starten, den Flughafen München in Karl Valentin International umzubenennen.

Hanix: Und wie bewertest Du Angela Merkels aktuelles Auftreten und ihre Flüchtlingspolitik?

Konstantin Wecker: Ich hätte als Altlinker nie gedacht, dass ich das Mal sagen würde, aber ich habe Respekt für Angela Merkels Verhalten in der Flüchtlingskrise. Abgesehen davon, dass sie natürlich auch ihre Spielchen treibt, beispielsweise mit Erdogan.

Hanix: Ein Text von dir heißt »Denkt mit dem Herzen«. Macht Merkel das gerade ein bisschen? Vielleicht das erste Mal in ihrem Leben?

Konstantin Wecker: Vielleicht. Ich habe keine Ahnung, weil ich sie nicht persönlich kenne und mich auch nie so sehr mit ihr beschäftigt habe. Warum sie in diesem Punkt jetzt so authentisch ist und sich als Politikerin dabei sogar selbst gefährdet, weiß ich nicht. Das entlockt mir schon eine gewisse Bewunderung. Im Gegensatz zu all den anderen neoliberalen Umfallern ist ihr Verhalten enorm. Man muss eben auch in der Lage sein, den Gegner zu respektieren. (lacht)

Hanix: Zum Abschluss sei dir eine Frage an den Musiker, Träumer und Utopisten gegönnt: Wie wird dein Konzert am 10. April in Heilbronn?

Konstantin Wecker: Sehr sinnlich, mit fantastischen Musikern. Wir freuen uns alle darauf und was gerade unter uns Musikern und auch den Technikern passiert, ist sehr spannend. Wir mussten jetzt einen Monat pausieren und sind von dieser spielfreien Zeit richtig fertig und sehen uns danach, wieder loszulegen. Da herrscht eine echte kindliche Vorfreude!

 

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