Uwe Ralf Heer Hanix No.43

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Vor 20 Jahren gelang einem Heilbronner Fußballteam ein außergewöhnlicher Erfolg: Die A-Jugend des VfR Heilbronn holte in der Saison 1995/96 den DFB-Pokal der Junioren in einem begeisternden Endspiel im Frankenstadion gegen Energie Cottbus. Im Laufe des Turniers warf das Team des damaligen Trainers Otto Frey hochfavorisierte Mannschaften wie 1860 München aus dem Wettbewerb. Wir sprachen mit dem jetzigen Chefredakteur der Heilbronner Stimme, UWE RALF HEER, der die Mannschaft damals als Sportredakteur begleitete, über seine Erinnerungen, das Team und den Fußball im Unterland. Von Robert Mucha, Foto: Ulla Kühnle

Hanix: Herr Heer, Sie haben 1996 die A-Jugend des VfR Heilbronn als Sportreporter für die Heilbronner Stimme begleitet. Nach dem 6:1-Finalsieg gegen Energie Cottbus im Heilbronner Frankenstadion schrieben Sie, dass man über dieses Ereignis noch in 20 Jahren sprechen wird. Das wollen wir tun. Welches Bild dieses traumhaften Unterländer Fußballsommers blieb Ihnen am eindrücklichsten im Gedächtnis?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das letzte Spiel, das in Böckingen stattfand. Klar war der Sieg im Frankenstadion vor so vielen Zuschauern etwas besonderes, aber das Halbfinale am See gegen 1860 München vor dieser super Kulisse – das war Fußball pur: Emotionen, Wille, Leidenschaft, eine Begeisterung, die von den Spielern auf die Zuschauer übersprang; das war für mich das letzte große, begeisternde Fußballerlebnis in Heilbronn. Die Mannschaft hatte einen solchen Spirit, so etwas
wird man nie mehr erleben können. Aus diesem Grund übrigens schaue ich mir auch heute noch lieber englischen Zweitliga-Fußball an, als Spiele in riesigen Plastikstadien.
Zu welchem Zeitpunkt fiel Ihnen, beziehungsweise der Sportredaktion der Heilbronner Stimme, die Mannschaft auf und dass da Berichtenswertes geschah?
Erst spät, da der VfR zu dieser Zeit schließlich auch in der Liga immer oben mitgekickt hatte. Erst irgendwann im WFV-Pokal wurde klar, dass sich bei der Mannschaft etwas Besonderes entwickelt. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber als ich dann mein erstes Spiel sah, habe ich Blut geleckt.
Als Zuständiger für den VfR in der Sportredaktion hatte ich einfach einen ganz anderen Zugang und eine Nähe zum Club. Deshalb haben wir für die damaligen Verhältnisse auch groß über die Ereignisse berichtet und auch mal eine halbe Seite mehr gemacht. Und zusätzlich hatte ich das große Glück, dass mir der damalige Sportchef viel Freiheit gelassen hat und wir so ausführlich darüber berichten durften. Sogar für den Kicker durfte man ein paar Zeilen schreiben!
Wie wurde redaktionsintern über die Mannschaft und deren Spiele gesprochen?
Euphorisch. Dadurch, dass der VfR so viele Leidensjahre hatte durchmachen müssen, haben dann auch viele Mitarbeiter, die dem Fußball schon den Rücken gekehrt hatten, wieder ihre Leidenschaft für den Sport entdeckt. Und das war nicht nur in der Sportredaktion so. Da dachten wir schon: »Boah, das ist der
Hammer! Hier gedeiht ein Pflänzchen, aus dem etwas großes werden kann.«
Sie schrieben auch von einem Ausnahmejahrgang. Was hat diese Mannschaft im Vergleich zu anderen Unterländer und Heilbronner Teams besonders gemacht? Das was sie auf dem Platz fabriziert hat, oder dass es keine »Söldnertruppe«, sondern eine Unterland-Auswahl war?
Ja sicherlich, die Mannschaft hat die Region super gut abgebildet. Es kamen Zuschauer aus Massenbachhausen, ein Zabergäuer war im Team. Wer auch immer die Truppe von damals zusammenstellte, hat ein richtig gutes Händchen bewiesen – es funktionierte einfach. Ich glaube auch, obwohl das als Außenstehender natürlich schwierig zu beurteilen ist, dass die Charaktere gut zusammengepasst haben. Eine Saison später wurde dann auch deutlich, dass das etwas Einmaliges war, was es so nie wieder geben würde. Diese Lust und Leidenschaft ohne eine monetäre Fixierung kam besonders deutlich rüber. Die Mannschaft hat einfach gespielt, weil sie Spaß daran hatte.
Wie empfanden Sie als Sportreporter die medial unbedarften Jungs im Vergleich zu den HEC-Profis oder der Herrenmannschaft des VfR Heilbronn? Wurden Ihnen mehr druckfähige Zitate in den Notizblock diktiert als von den Senioren?
Es war völlig anders. Ich war ja quasi »embedded« und habe vielleicht sogar etwas die journalistische Distanz vermissen lassen, weil es mir so großen Spaß bereitet hat. (lacht) Es war etwas ganz anderes, als dieses vorgedrechselte Gelaber der Profis, das kein Mensch mehr hören kann. Es war einfachfrisch und man hat gemerkt, dass es auch für die Spieler ganz neu war, dass sie plötzlich Rede und Antwort stehen mussten. Manche waren auch sehr sensibel und mussten erst mal lernen, auch mit Kritik umzugehen. Aber dadurch, dass es in der Truppe ein paar Protagonisten gab, die durchaus wussten, wie man sich in der Öffentlichkeit verhält, war das alles mega angenehm.
Auf welchem Platz landet die 96er A-Jugend des VfR Heilbronn in Ihrem persönlichen All-Time-Ranking der besten regionalen Fußballteams? Als eine der größten Mannschaften?
Das wäre jetzt zu viel gesagt, weil ich nicht weiß, wie es nach dem Krieg war. Da waren auch durchaus zehn bis fünfzehntausend Zuschauer bei den Spielen. Auch in den Siebzigern, als der VfR in der Zweiten Liga Süd spielte, gab es großartige Mannschaften. Zu der Zeit aber war es mit großem Abstand die herausragendste Mannschaft und wird dies sicher auch noch für lange Zeit bleiben.
Heute ist es nahezu unmöglich für ein Jugendteam eines Amateurvereines (die Herrenmannschaft des VfR Heilbronn spielte 1996 in der Verbandsliga) einen nationalen Titel einzufahren. Ist die Leistung der VfR-A-Jugend deshalb nochmals höher einzuschätzen oder waren es damals einfach andere Fußballzeiten, ohne Leistungszentren und Jugend-Bundesliga und sind deshalb schwer vergleichbar?
Man kann das tatsächlich nicht vergleichen. So etwas ist nicht mehr wiederholbar, weil der DFB nach dem Aus bei der EM 2000 das Nachwuchssystem total verändert hat: Jugendleistungszentren, jeder Bundesligist hat inzwischen ein Jugendinternat; der Jugendbereich wurde professionalisiert. Alle Vereine werben heute schon im C-Jugend-Bereich Spieler für viel Geld ab, weshalb kleine Vereine nie mehr die Chance bekommen werden, im großen Rampenlicht zu stehen, wie es der VfR damals konnte.
Aktuell organisiert die damalige Mannschaft ein Jubiläumsspiel am 16. Juli zum 20. Jahrestag des DFB-Pokalsieges. Es wird noch ein Schiedsrichter gebraucht. Sie haben früher immerhin Verbandsliga gepfiffen. Zeit und Lust am 16. Juli für das Einhalten der Regeln auf dem Platz zu sorgen?
(lacht) Also reizen würde mich das schon, konditionell wäre ich auch in der Lage bei drei Tagen Lauftraining pro Woche! Aber in meiner derzeitigen Situation habe ich gelernt, lieber eine Nacht darüber zu schlafen, als sofort zuzusagen. Ich denke drüber nach!
Seit 1996 ist im Heilbronner Fußball viel passiert. Leider kaum Positives. Gibt es noch Hoffnung, im Ansatz wieder an vergangene, erfolgreichere Tage anzuknüpfen, oder ist erfolgreicher, hochklassiger Heilbronner Fußball verloren?
Das ist vorbei. Ich finde es wirklich bemerkenswert, was die Neckarsulmer gerade machen, da steckt viel Aufwand dahinter. Wenn sie es jetzt schaffen, in die Oberliga aufzusteigen, dann würde das aber immer noch niemanden interessieren. Der Fußball wird von den ersten drei Ligen abgedeckt und der Fußball im Unterland wird nie mehr die Chance bekommen, in eine der drei großen Ligen aufzusteigen. Auf der einen
Seite hat Hoffenheim alles abgedeckt, warum sollte sich ein Sponsor also hier nochmal mit ein paar Millionen engagieren? Auf der anderen Seite gibt es den VFB, der auch Fußball im professionellen Spitzenbereich bietet. Deshalb hat die Region Heilbronn – leider – auf ewig keine Chance mehr. ◆

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